Finanzielle Katastrophe durch Krankenhausaufenthalt
TANSANIA Dr. Julija Cink über ihre Arbeit im Krankenhaus in N`Dolage
Tatkräftige Unterstützung: Dr. med Julija Cink arbeitete vier
Wochen lang im Krankenhaus in N´Dolage im Partnerkirchenkreis Kusini-B Ilemera.
FOTO: ST. JOHANNISSTIFT
KIRCHENKREIS – Durch die Partnerschaft des Evangelischen Kirchenkreises
Paderborn mit dem tansanischen Kirchenkreis Kusini-B Ilemera kommt es zu
regelmäßigen Begegnungen zwischen dem St. Johannisstift und dem Krankenhaus in
N’Dolage. Im Rahmen des Projektes „From Nurse to Nurse“ unterstützen Mitarbeiter
des St. Johannisstift mit einem kleinen Einkommensanteil monatlich das
Krankenhaus in N’Dolage. Das Geld kommt dort dem Poor-Patients-Fond (der
Armenkasse) zugute. Dr. med. Julija Cink, Assistenzärztin der Inneren Medizin im
Krankenhaus St. Johannisstift, nutzte ihre Hochzeitsreise durch Afrika, um vier
Wochen in N’Dolage mitzuhelfen. In einem Interview beschrieb sie ihre
Erlebnisse.
St. Joh.: Frau Dr. Cink, wie kam es dazu, dass Sie in N’Dolage ausgeholfen
haben?
J. C.: Ich habe mit Kollegen über unsere geplante Reise nach Afrika gesprochen.
Sie machten mich auf das Partnerkrankenhaus in Tansania aufmerksam. Ich wurde an
OP-Schwester Elke Münzing verwiesen, die dieses Krankenhaus schon oft besucht
hat und im St. Johannisstift die laufende Spendenaktion leitet. Über sie kam der
Kontakt zu Dr. Frank Beier zustande. Dr. Beier, jetzt Chirurg in Werther, war
fünf Jahre lang zusammen mit seiner Familie für das Krankenhaus in N’Dolage
tätig und ist heute noch in die Belange der Armenkasse involviert. Dr. Beier
stellte den Kontakt zum Chefarzt von N’Dolage her.
St. Joh.: Wie sah Ihr Klinikalltag in Tansania aus
J. C.: Um 7.30 Uhr war Andacht in der Kapelle, um circa 8.30 Uhr begann die
Visite auf der Frauenstation, nachmittags standen Ultraschall und Konsile auf
dem Programm. Jeden Mittwoch fuhren wir nach Bukoba in die Town-Klinik zur
Bluthochdruck-, Herzinsuffizienz- und Diabetesambulanz-Sprechstunde. Außerdem
bereitete ich Vorträge und Fortbildungen für Ärzte und Schwestern vor.
St. Joh.: Welche Unterschiede zu deutschen Krankenhäusern sind Ihnen besonders
aufgefallen?
J. C.: Es fehlte oft an grundlegendem Equipment. Es gab nur ein veraltetes
Ultraschallgerät, keine Endoskopie, die Intensivstation war schlecht bis gar
nicht ausgestattet. Neben Medikamentenengpässen fielen die nach westlichen
Maßstäben mangelhaften Hygienestandards auf. Auch gibt es dort nach unserem
Verständnis kein wirkliches Krankenhausmanagement. Das führt dazu, dass nicht
immer im Sinne der Wirtschaftlichkeit gehandelt wird oder dass vorhandene
Ressourcen häufig nicht optimal ausgenutzt werden. Angenehm war, dass nicht
immer alles „sofort“ sein musste: „Pole, pole!“ – „Immer mit der Ruhe!“ war
einer der ersten Ausdrücke auf Kiswahili, die wir lernten und an die wir uns
erst gewöhnen mussten. Natürlich sieht man auch andere Krankheitsbilder: HIV
betrifft mittlerweile große Teile der Gesellschaft. Aber am
gewöhnungsbedürftigsten für uns verwöhnte Deutsche war sicherlich die
Abrechnungsregelung.
St. Joh.: Warum gewöhnungsbedürftig?
J. C.: Patienten bezahlen ihre Krankenhausrechnung selbst und wenn möglich bar.
Eine Nacht in einem Metallbettgestell mit dünner Schaumgummimatratze und
Moskitonetz in Zwei-bis-Sechs-Bett-Zimmern kostet 2.000 tansanische Schillinge,
das entspricht 1,10 Euro. Essen (gekocht durch Angehörige in einer
Gemeinschaftsaußenküche), Medikamente, jede Blutzuckermessung, jede
Injektionsnadel und jede Untersuchung wie Röntgen, Ultraschall und Operationen
kosten extra. Für die meisten Patienten kaum bezahlbar. Eine Versicherung haben
nur die Wenigsten. Häufig ist ein längerer Krankenhausaufenthalt eine
finanzielle Katastrophe für eine Familie. Nicht selten müssen sie einen Teil
ihres Landes verkaufen, sich verschulden oder sind gezwungen, den
Krankenhausaufenthalt abzubrechen.
St. Joh.: Welche neuen Entwicklungen gibt es in N’Dolage?
J. C.: Leider hat das Haus starke finanzielle Probleme, da sich ausländische
Investoren zurückziehen. Gutes Personal wandert außerdem an kommunale Häuser ab,
weil sie bessere Löhne zahlen.
© Ev. Kirchenkreis Paderborn 18.08.10