Vom Gesehen werden und Sehen
Predigt am ersten Weihnachtstag. 25. Dezember 2011
Abdinghofkirche Paderborn
Anke Schröder, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn
IV. Reihe: 1.Joh. 3,1-6
Liebe Gemeinde!
Sehen und gesehen werden. Unter diesem Motto stehen große
gesellschaftliche Ereignisse. Wen man da
alles sehen kann! Große, berühmte,
wichtige, einflussreiche Menschen. Wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, wer
eingeladen ist, wer vorne sitzen darf,
wer namentlich begrüßt wird, wird
gesehen und beachtet, steht vielleicht sogar am
nächsten Tag in der Zeitung. Manche Menschen unterziehen sich großen
Anstrengungen, um gesehen zu werden, um dazuzugehören. Und was nicht im
Nachhinein alles geredet und getuschelt wird über das, was man gesehen hat
bzw. über die, die man gesehen hat.
Sehen und gesehen werden - wer hätte das gedacht? - ist auch
ein Thema der Bibel. Allerdings kommt es dort in umgekehrter Reihenfolge vor.
Zuerst geht es um das Gesehen werden, erst
dann um das Sehen. Zuerst geht es darum, dass Gott uns Menschen ansieht, erst
dann werden wir selbst auf ihn aufmerksam, erst dann werden unsere Augen
geöffnet.
Heute feiern wir Weihnachten. Warum?
Weil Gott uns gesehen hat. Er hat uns
gesehen eigenwillig und stark, wie wir
sind, orientierungslos und schwankend.
Er hat unsere Not gesehen und unsere Sehnsucht, unsere Zielstrebigkeit und
unsere Angst. Er muss sich gedacht haben: Diese
Menschen kann ich nicht allein lassen. Sie laufen in die Irre wie Schafe, die
keinen Hirten haben. Sie zerstreuen sich ohne Richtung und Ziel. Ich muss mich
an ihre Seite stellen. Ich muss ihnen
vorangehen. Ich muss ein Mensch werden
wie sie, damit sie glauben, dass ich wirklich da bin, dass ich sie leiten will
auf dem Weg des Lebens.
Gott ist Mensch geworden. Das feiern wir heute. Er kommt nicht
als starker Held, sondern als
neugeborenes Kind. Aber schon dieses Kind entfaltet seine Wirkung. Jeder und
jede von uns weiß, wie schön das ist, wenn ein Kind einen anlächelt. Philipp
Nicolai dichtet, sozusagen an der Krippe stehend: Von Gott kommt mir ein
Freudenschein, wenn du mich mit den Augen dein gar freundlich tust anblicken.
Was ist das für ein Geschenk, angesehen zu werden! Ich muss
mich nicht schön anziehen. Ich muss keine Erfolge vorweisen. Ich muss keine
Leistungen erbringen. Ich muss mich nicht bemühen, nicht anstrengen, nicht nach
vorne drängen. Gott sieht mich. Er weiß, was ich zum Leben brauche.
Er verleiht mir Ansehen.
Wenn ich begreife, dass ich angesehen bin, von Gott angesehen
bin, werden auch meine eigenen Augen geöffnet. Seht, welch eine Liebe hat
uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es
auch! So beginnt unser Predigttext. Aber
was sehen wir denn eigentlich? Unser
Blick richtet sich nach außen. Wir schauen uns um. Zu Weihnachten sehen wir das
Kind in der Krippe, Maria und Josef, die Hirten. Wir sehen Licht in der
Dunkelheit. Wir sehen Glanz inmitten von Ärmlichkeit. Wir sehen Geborgenheit in
einer Notunterkunft. Eine Idylle tut sich vor unseren Augen auf,
die anziehend wirkt. Wir können nicht
Beobachter bleiben. Wir werden hineingezogen in diese weihnachtliche Szene. Wir
bleiben nicht unbemerkt auf sicherem Posten. Wir können uns nicht verstecken in
der Dunkelheit. Die Rolle des Zaungastes wird uns verwehrt. Denn plötzlich
finden wir uns in der ersten Reihe wieder. Wir stehen im Licht, werden
namentlich begrüßt und willkommen
geheißen. Wir gehören dazu. Wir sind gemeint, jeder und jede einzelne von uns.
Die heilige Familie bleibt kein Objekt
besinnlicher Anschauung. Nein, zu Weihnachten wird deutlich:
Wir gehören ja selbst zur Familie,
können uns selbst ganz neu sehen als
Gottes Kinder.
Viele Menschen feiern Weihnachten, ohne einen Bezug zum
christlichen Glauben zu haben. Andere erinnern sich, dass sich damals etwas
veränderte in der Welt. Ein besonderer,
außerordentlicher Mensch wurde geboren. Sie feiern Weihnachten
als historisches Datum, als
vorübergehendes Fest im Jahreslauf.
Wenn Gott Mensch wird, soll das aber kein Fest bleiben, das
außerhalb von uns geschieht. Gott will auch in uns zur Welt kommen. Wir sehen
auf Gottes Sohn und werden selbst zu
Gottes Kindern.
Das ist das Außerordentliche an Weihnachten. Gott hat uns
Menschen dazu ausersehen, sein Licht, seine Liebe, seine Freundlichkeit
in die Welt zu tragen. Obwohl wir doch
nur Menschen sind, will Gott in uns lebendig werden. Obwohl wir alles andere als
perfekt sind, obwohl wir Fehler machen und Schwächen zeigen, will Gott durch uns
in dieser Welt wirken.
Das verleiht uns ein Ansehen, vor dem wir nur staunend
verstummen können: Ich kleiner Mensch soll etwas Göttliches in mir tragen? Ich
darf mich als Gottes Kind sehen? So weit vorne hat Gott einen Platz für mich
reserviert? Da könnte man ja übermütig, sogar größenwahnsinnig werden. Aber
keine Angst, so weit kommt es nicht; denn wer von Gott angesehen ist, ist es in
der Welt noch lange nicht. Der 1.
Johannesbrief stellt das ganz nüchtern fest: Die Welt kennt uns nicht;
denn sie kennt ihn nicht.
Nun kann man sagen: Die Welt muss uns auch nicht kennen. Wir
müssen nicht zu den Angesehenen der Gesellschaft, wir müssen nicht zu den
Einflussreichen und Mächtigen gehören. Aber ganz so einfach ist es nicht; denn
wer sich von Gott ansehen lässt, wer sich zum Sohn, zur Tochter Gottes berufen
lässt, wird mit einer ganz besonderen Sehkraft ausgestattet. Seht, welch
eine Liebe hat uns der Vater erwiesen… Wer die Liebe Gottes sieht, sieht
gleichzeitig auch, wo und wie sehr sie nötig ist. Die einen feiern Weihnachten
in Glanz und Gloria, den anderen steht als Hartz IV-Empfängern
kein Weihnachtsbaum mehr zu. Die einen
überlegen krampfhaft, was sie ihren Lieben noch
schenken sollen, weil die doch schon alles haben, während bei den anderen, wenn
es gut geht, die Grundausstattung des
alltäglichen Lebens unter dem nicht
vorhandenen Weihnachtsbaum liegt. Vieles wird über Spenden geregelt. Das ist gut
so. Die einen wünschen sich etwas und diejenigen, die sich das leisten können,
machen es zum Geschenk. Eine neue Pfanne zum Beispiel. Eine warme Jacke. Oder
neue Stiefel, weil man in den alten nasse Füße kriegt. Denen, die arm sind, geht
es nicht um Luxusgüter. Das können sich viele, die reich sind, aber gar nicht
vorstellen.
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater
erwiesen… Wer sich von Gott ansehen lässt, wer seine
Liebe annimmt, kann die Augen vor den krassen Gegensätzen dieser Welt
nicht mehr verschließen. Das macht
unruhig, auf eine heilsame Weise unruhig. Wer
Gott in den Blick nimmt, sieht unweigerlich auch, was in dieser Welt los ist.
Wer sich an die Krippe stellt, kann die Augen nicht mehr verschließen. Wer sich
in das Licht Gottes stellt, kann sich nicht mehr beruhigt zurückziehen. Zu
Weihnachten feiern wir, dass Gott Mensch wird. Die Nähe Gottes entfacht auch in
uns eine Energie, die auf eine andere Welt hindrängt. Es kann nicht alles so
bleiben, wie es ist. Es muss sich etwas ändern. Um Gottes willen.
Wohlgemerkt: Wir Christen sind keine verrückten
Weltverbesserer. Wir sind keine Gutmenschen und keine Besserwisser. Wenn Gott
Mensch wird, wenn wir uns zu Gottes Kindern berufen lassen, dann müssen wir aber
auch sagen, was wir sehen. In dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ bewundert
alle Welt eben diese neuen, prächtigen Kleider des Kaisers. Nur ein Kind sagt,
was eigentlich alle sehen: Der Kaiser hat ja gar nichts an.
Nicht nur einzelne Menschen, nicht nur Firmen und Banken,
ganze Staaten leben auf Pump. In weiten Teilen haben wir
unser Leben in dieser Welt auf einem
Fundament aufgebaut, das keines mehr ist. Man braucht nur eine Stecknadel
daran zu halten und der Luftballon
zerplatzt.
Der 1. Johannesbrief sagt: Wir sind schon Gottes Kinder, aber
es hat sich noch nicht ganz gezeigt, wer wir sein werden. Wir leben noch auf
Hoffnung hin. Wir leben noch in einer
Welt, die von Sünde durchzogen ist und
wir selbst sind es auch. Doch nun kommt
Gott in diese Welt. Er stellt sich an unsere Seite und macht uns
zu seinen Söhnen und Töchtern. Wir
brauchen nur ja zu sagen. Wir brauchen nur mitzugehen.
Wenn wir das tun, wenn wir uns ansehen
und ansprechen lassen, hat das
allerdings Konsequenzen. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Wir können
nicht so tun, als sähen wir nicht, was
in dieser Welt geschieht. Wir können unsere Augen
nicht verschließen vor Leid und Unrecht.
Wir bekommen aber auch einen Blick für
Mitgefühl und Liebe. Wir lernen zu unterscheiden,
was echt und was gekünstelt ist, was
wirklich den anderen und was nur dem
eigenen Selbstwertgefühl dient.
Und vor allem lernen wir, uns auch selbst so zu sehen, wie wir
sind. Manchmal Anteil nehmend und hilfsbereit, manchmal selbstbezogen und
bequem. Manchmal glühend vor Eifer und dann doch wieder
müde und schwach. Manchmal voller
Hoffnung, manchmal zweifelnd und schwankend.
Gott kommt auf die Erde, damit diese Welt
menschlicher wird. Er nimmt sich unserer
an, damit wir uns anderen zuwenden können. Er lässt uns sehen, wie seine Welt
aussehen soll, damit wir sie hier und jetzt verwirklichen.
Nein, wir sind keine Schlauberger. Wir haben wahrlich nicht
immer und überall den Blick für das, was gut und richtig ist, geschweige denn
den Mut, es auch umzusetzen. Aber seit Gott in dieser Welt erschienen ist, haben
wir eine Ahnung davon, wie das Leben in seinem Reich aussehen wird. Frieden,
Gerechtigkeit, Liebe – das sind keine abstrakten Begriffe mehr. Wir haben doch
Bilder vor Augen, wie das aussieht, wir haben die Erfahrung, wie es sich
anfühlt, wenn Menschen friedlich, gerecht und liebevoll
zusammenleben.
So soll es sein, sagt Gott, und er selbst wird Mensch, damit
sein Reich Zukunft hat. Wir Menschen schaffen das Reich Gottes nicht, aber wir
können dazu beitragen. Wir gehören nämlich zur Familie. Wir sind Gottes Kinder.
Als solche werden wir von Gott gesehen. Als solche können wir uns selbst
betrachten. Je mutiger, je selbstbewusster wir das tun, desto deutlicher wird
auch die Welt sehen, mit wem sie es zu tun hat.
Amen.
© Ev. Kirchenkreis Paderborn 25.12.11