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09.11.2000

Ansprache von Pfarrerin Antje Lütkemeier (Bad Lippspringe)

am 9. November 2000 in Paderborn am Mahnmal für die ermordeten Paderborner Juden, An der alten Synagoge:

 

"Reichspogromnacht - ermordete, geprügelte, verhaftete Menschen jüdischen Glaubens, brennende Synagogen, verwüstetes Eigentum, zerstörte Existenzen.

Reichspogromnacht - aufgehetzte Jugendliche, Hasssäende, gewalttätige Schlägertrupps, pöbelnde Mitläufer und eine schweigende Menge, die zuschaut.

Reichspogromnacht - eine der dunkelsten Nächte in der Geschichte meines Volkes.

 

Die Steine, vor denen wir hier stehen, erinnern an die Reichspogromnacht, an die Shoah. Sie sind Zeugnis für die Verwurzelung jüdischen Lebens und Anklang an eine reiche jüdische Tradition auch hier in Paderborn.

 

Vielleicht sind sie auch so etwas wie Grabsteine für die Millionen ermordeter Menschen, die kein Grab, geschweige denn einen Grabstein haben.

 

Wir Menschen brauchen Steine. Wegzeichen, Gedenksteine und manchmal auch Stolpersteine. Steine, die den Weg versperren, der so einfach, gerade und gedankenlos verlaufen könnte.

Auf unseren Wegen durch die Stadt begegnen sie uns immer wieder - Steine, glücklicherweise auch solche, wie diese hier. Sie markieren geradezu unseren Lebensweg, geben uns Richtung und Orientierung. Ein Taufstein z.B. steht für Christinnen und Christen am Anfang, ein Grabstein für die meisten von uns am Ende eines Lebensweges. Auf Gräbern jüdischer Menschen liegen kleine Steine als Zeichen der Erinnerung, des Gedenkens und der Anteilnahme.

 

Steine werden aufgerichtet, um Erinnerung und Gedenken zu ermöglichen, so wird in der hebräischen Bibel berichtet.

Josua etwa, lässt zwölf Steine aufrichten an der Stelle, wo das Volk Israel trockenen Fußes den Jordan überquert hatte. Ein 40-jähriger Zug durch die Wüste ist endlich zu einem Ende gekommen. Die Steine stehen als Erinnerungszeichen, damit man später den Kindern davon erzählen kann. Die schwierige Zeit in der Wüste soll nicht vergessen werden im Reichtum des eroberten Landes.

 

Oder Jakob. Er ist auf der Flucht, sieht im Traum den Himmel offen und erhält Gottes Zusage: Gott wird ihn begleiten. Den Stein, auf dem er gelegen hat, richtet er auf, als Even Esra, als "Stein der Hilfe", Mahnmal für die Freundlichkeit Gottes.

 

Steine spielen auch in den Evangelien immer wieder eine Rolle.

Manche Steine werden aus Sperrsteinen zu Steinen der Hoffnung.

Im Christentum ist der Stein vor dem Grab Jesu, den die Frauen weggewälzt finden, so ein Stein.

Die Steine aus Beton und Kieselsteinen, die 1989 aus der berüchtigten Mauer in Berlin gebrochen wurden, sind solche Steine. So etwas wie ein Souvenir der Hoffnung. Ein Zeichen dafür, dass zerteilende Mauern wie Kartenhäuser zusammenbrechen können, dass aus Todesstreifen Gartenanlagen und aus Grenzstationen Marktplätze werden können.

 

Es ist eine gute Tradition, Steine aufzustellen. Steine künden davon, dass Menschen und Schicksale nicht vergessen werden sollen im Laufe der Zeit.

"Sachor" - gedenke!, so mahnen sie uns. Aber ich will hier und jetzt nicht des 9. Novembers gedenken; dieses sehr deutschen Gedenk-Tages.

Ich lade Sie ein, sich zu erinnern.

Erinnern daran, dass jede und jeder Einzelne der Getöteten ein Gesicht hatte. Freude und Schmerz empfand, ein Leben lebte und eine Zukunft und Hoffnung hatte.

Erinnern - nicht an eine unvorstellbar hohe Zahl von Opfern, sondern an die Nachbarn und Mitbürger, erinnern an die Mit - Ebenbilder Gottes.

"Wir erinnern uns", so heißt es im Seder haTefilot, dem Buch der Gebete, "an die sechs Millionen Toten und an alle, die starben, als der Wahnsinn die Welt regierte und das Böse in der Welt wohnte. Wir erinnern uns derer, die wir gekannt haben und derer, von denen selbst der Name verloren ist.

Wir trauern um alle, die mit ihnen starben, um ihre Güte und um ihre Weisheit, die die Welt hätten retten und so viele Wunden hätten heilen können. Wir trauern um den Geist und um den Humor, der starb, um das Lernen und Lachen, das für immer verloren ist. Die Welt ist ärmer geworden, und unsere Herzen werden kalt, wenn wir an die großen Dinge denken, die hätten sein können." (Seder haTefilot)

Erinnern - ich lade Sie ein, auch der Erinnerung an das, wozu Menschen fähig sind, nicht auszuweichen.

 

Reichspogromnacht - Es ist eine der dunkelsten Nächte in der Geschichte unseres Volkes gewesen, an die wir uns erinnern.

 

Die wenigsten können sich allerdings noch persönlich an die Ereignisse erinnern.

Wohl keiner der hier Versammelten Älteren trägt Schuld an dem was geschehen ist. Die anderen, wir Jüngeren, haben uns das Wissen darum meist angelesen.

Das Erbe unserer Geschichte ist nicht die Schuld. Aber wir haben die Verantwortung ererbt und zu übernehmen.

 

Die Steine hier vor uns, ich verstehe sie deshalb als Stolper-Steine der Mahnung. Sie verstellen den Weg eines zu schnellen Zurück zur Normalität der Welt. Sie verhindern die allzu leichte Frage "Was war denn schon?". Nie wieder, so lautet die Mahnung. Nie wieder solches Sterben und solches Leid für die Menschen. Das sollen wir auch nach mehr als 50 Jahren nicht vergessen.

Das auszudrücken, was Menschen jüdischen Glaubens damals an Ängsten, körperlichen und seelischen Qualen durchlitten haben, dafür sind Worte zu schwach. Da bleibt nur das steinerne Mahnen, das schweigende Gedenken, der stumme Schrei zu Gott.

 

Aber es ist unsere Verantwortung darüber zu reden, was heute Menschen angetan wird.

Ich ziehe keine Vergleiche - die Shoah verbietet selbst den Versuch jeder Analogie. Ich frage mich nur, wie können wir leben, hier und überall auf der Welt, heute im Jahr 2000? Welche Konsequenzen muss unsere Geschichte haben? Denn dass sie Konsequenzen haben muss, wenigstens das sind wir schuldig.

 

Es ist unsere Verantwortung, den Steinen der Erinnerung und der Mahnung eine Stimme zu verleihen.

Aufschreien, das ist unsere Verantwortung und zu Stolpersteinen werden.

Die zu Fall bringen, die Leben so schnell in lebenswert und nicht mehr lebenswert einteilen.

Die straucheln lassen, die sich Recht nehmen, nur aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit.

Die vor die Wand laufen lassen, die im Anderen nur den Feind sehen und nicht das Ebenbild Gottes.

 

"Nicht Wächter, nicht Verteidiger der Mauer sind wir, sondern die Mauer selbst, und jeder von uns ein lebendiger Ziegel in dieser Mauer." (Chajim Arlosorov)"

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