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23.08.2000

Gemeindegespräch über Kunst und Kirche

Paderborn (wels). Noch bis zum 17. September ist in der Abdinghofkirche Paderborn täglich von 11 – 18 Uhr die Ausstellung „Randzeichen" mit großformatigen Bildern von Frank Schult zu sehen. Veranstalter sind die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde und der Kirchenkreis Paderborn. Besonders die Hängung des Bildes „Arche" zwischen Altar und Kreuz hat für Diskussionen gesorgt. Zu einem Gemeindegespräch über „Kunst und Kirche" lädt der Arbeitskreis „Kunst und Kirche am Abdinghof" alle Interessierten am Montag, dem 4. September, um 18 Uhr in das Paul-Gerhardt-Haus am Abdinghof ein. Die hier im Anschluss zu lesende, gekürzte Zwischenbetrachtung zu „Randzeichen" gibt Einblicke in die Ausstellung und in die Arbeits- und Denkweise des Arbeitskreises „Kunst und Kirche am Abdinghof". Autor ist das Mitglied Pfarrer Dr. Jörg Mertin.

Jörg Mertin

„Bilder machen individuell Erlebtes zu emotionalen Zeitansagen"

„Mit der Ausstellung Randzeichen wird der Versuch fortgesetzt, die Kirche mit gegenwärtigen ästhetischen Erfahrungen und Ausdrucksformen in Beziehung zu setzen. Der diesmal eingeladene Künstler Frank Schult hat seine Absicht dabei sehr zurückhaltend formuliert: Nicht mehr als Randzeichen sollen seine Bilder sein, Anmerkungen und Kommentare zu dem Haupttext, dem Wesentlichen, was in der Kirche und in der gegenwärtigen Gesellschaft geschieht. Der Betrachter soll selbst entscheiden, inwieweit er sich mit den Bildern auseinandersetzen will. Nach den Erfahrungen der ersten Wochen zu urteilen geht aber kaum ein Besucher der Kirche an den Bildern achtlos vorbei. Sie ziehen die Blicke auf sich. Der oft geheimnisvoll wirkende, vielschichtige Bildaufbau reizt zu Entdeckungen, aktiviert und schult die Wahrnehmungsfähigkeit des Betrachters. Anziehend wirken die Bilder offenkundig auch aufgrund der figurativ-graphischen Dimension. (...) Frank Schult wählt einen biografisch-existenziellen Einstieg, nicht einen formalen.

Deshalb sind die Bilder in der Abdinghofkirche im Wesentlichen auch werkbiographisch aufgehängt: im südlichen Seitenschiff Werke aus den Jahren 1988-1991, im nördlichen Seitenschiff Bilder aus den Jahren 1996-1999. Die Betrachter können auf diese Weise die Entwicklung des Malers verfolgen und werden gleichzeitig auf die Frage nach der eigenen Entwicklung, dem eigenen Lebenslauf und den eigenen Erfahrungen aufmerksam gemacht. (...) Schon diese Möglichkeiten machen aus den Bildern mehr als nur Randzeichen. Sie sind im Grunde auch „Wandzeichen", Menetekel in geheimnisvoller Schrift, die das individuell Erlebte in einem prophetischen Gestus dramatisieren und zu emotionalen und zugleich apokalyptischen Zeitansagen machen. (...) Existenzbedrohende Beschleunigungen entwurzeln die Menschen und zwingen sie in Boote auf eine ungewisse, geborgenheits-sehnsüchtige Fahrt, um einmal die in mehreren Bildern erkennbare Symbolik aufzugreifen.

Mehr als ein Randzeichen ist nun aber auch in räumlicher Hinsicht das Bild „Arche", das der Künstler zwischen Altar und Kreuz aufgehängt hat. Mit dieser Hängung ist der für jede Begegnung zwischen Gegenwartskunst und Kirche notwendige Eingriff in den Kirchenraum vollzogen. Verzichtete man auf solche Eingriffe, würde sich die Kunst auf Kirchenausstattung reduzieren. An dieser herausragenden Stelle aber gibt das Bild zu denken. Manchem Betrachter wird erst jetzt klar, dass sich sonst zwischen Kreuz und Altar ein undefinierter Zwischenraum befindet, der lediglich einen Blick auf die dahinterstehende Orgel ermöglicht. Nun aber ist da ein Bild, und es ergibt sich ein harmonisches Farbenspiel zwischen Altar, Bild und dem darüber hängenden Kreuz. Paradoxerweise wird durch das hinzugefügte Bild auch das Kreuz hervorgehoben. (...)

Unterschiedliche Wahrnehmungen und Assoziationen werden hervorgerufen:

Eine Arche in wilder Fahrt im Schiff der Abdinghofkirche, die aufgrund des gegenüber Eingang und Chor abgesenkten Bodens selbst eine Art Boot ist. Der Altar plötzlich ein ruhender Pol, ein Zufluchtsort. Über allem Christus am Kreuz, in ihm aufgehoben die Zuflucht und das Chaos. Solche Assoziationen haben mit der besonderen Hängung in der Abdinghofkirche, also mit dem Kontext zu tun. In einem Museum oder in einer Galerie stünden dagegen eher die formalen Aspekte des Bildes im Vordergrund.

Das Bild verändert zeitweise den Raum. Das scheint im kirchlichen Bereich für viele immer noch eine Zumutung zu sein, die unsicher macht und das Bedürfnis nach Regulierung und Sicherheit hervorruft. Im Grunde fordern solche Eingriffe in den Kirchenraum Zutrauen und Mut im Ungesicherten, und sie versprechen neue Erfahrungen und Wahrnehmungserweiterungen. Viele Besucher verstehen die Bilder Frank Schults in der Abdinghofkirche als schöpferischen Denkanstoß. Die Kirche ist auf solche Denkanstöße angewiesen, um die existenzielle, soziale und metaphysische Kapazität der christlichen Religion immer wieder neu zu aktivieren, und um teilzuhaben an dem, was Menschen in dieser Gesellschaft bewegt und damit sprachfähig zu bleiben (...)."

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