"Mahner zur Toleranz"

Erwin Angreß starb Ostern im Alter von 79 Jahren - Donnerstag Beisetzung

VON WOLFGANG STÜKEN

Paderborn. Sichtbares Zeugnis bewusster Vorbereitung auf den Tod: Schon vor Jahren hat Erwin Angreß auf dem Jüdischen Friedhof an der WarburgerStraßedenGrabsteinaußtellen lassen, der für ihn selbst bestimmt ist.

Seine lange Erkrankung, nicht zuletzt Spätfolge der Zeit in den Konzentrationslagern Auschwitz, Nordhausen und Bergen-Belsen, hatte ihn in den letzten Monaten fast unablässig an das Krankenbett gefesselt. Erwin Angreß wusste, dass er seinen 80. Geburtag am 16. Mai nicht mehr erleben wurde. In der letzten Woche hatte er Abschied genommen von Freunden und Weggefährten. Am Ostermontag starb der kleine schmächtige Mann, der ein großer Mann der christlich-jüdischen Verständigung und ein unermüdlicher Mahner für Freiheit und Demokratiewar.

»Immer wieder den Dialog gesucht«

,,Sein Ansatz ist, das schlimme Schicksal, das seine Glaubensgenossen, aber auch ihn persönlich mit dem Terror der Nazis getroffen hat, in unserem nationalen Gedächtnis tief und fest zu verankern, damit so etwas nie wieder in unserem Lande, aber auch in keinem anderen Staat unserer Welt geschehen kann. Aus dieser Motivation heraus hat er immer wieder den Dialog gesucht, die Räume der Synagoge der Jüdischen Kultusgemeinde für Schüler, Studenten und junge Erwachsene für Gespräche, Führungen und Diskussionen geöffnet." Dies sagte Paderborns Bürgermeister Heinz Paus, als er Erwin Angreß im letzten Monat den Ehrenring der Stadtverlieh.

Die Feierstunde im Rathaus fand ohne den 79-Jährigen statt. Angreß hatte sich erneut ins Hospital begeben müssen, und Paus überreichte ihm die Auszeichnung im Krankenzimmer. Und nannte Angreß einen »Mahner zur Toleranz, hochsensibel für jede Form von Ausgrenzung, wachsam gegenüber jeder Art von Benachteiligung von Menschen wegen ihrer Religion, Hautfarbe oder Nationalität".

Dem für diese Ehrung bewusst gewählten Tag in der »Woche der Brüderlichkeit« folgt nun ein weiteres denkwürdiges Datum: Am Donnerstag, dem Tag der Beisetzung des Erwin Angreß, ist Jom Ha Shoa, der Gedenktag für die Opfer des Holocaust.

Der aus Oberschlesien stammende Erwin Angreß, dessen jüdischer Name Chaim Ben Mauschä ist, kam 1940 in das damalige jüdische "Umschulungs-" und spätere Arbeitslager am Grünen Weg. Mit etwa 100 anderen jüdischen Frauen und Männern musste er - vor allem als Straßenreiniger und Müllwerker -Zwangsarbeit für die Stadt und Privatfirmen leisten. Am 1. März 1943 wurden alle Lagerinsasseh nach Auschwitz deportiert. Auf der berüchtigten Rampe des Konzentrationslagers wurde Erwin Angreß von seiner Frau getrennt, die er ein Jahr zuvor in Paderborn geheiratet hatte. Er sah sie nie wieder. Auch seine Mutter, seine Schwester und weitere Verwandte kamen in Konzentrationslagern ums Leben.

Erwin Angreß, der Häftling Nummer 104.892, überlebte Auschwitz, ebenso den "Todesmarsch" im Januar 1945 von dort nach Gleiwitz. Nächste Stationen: Das KZ Nordhausen und Bergen-Belsen. Dort wurde der auf 30 Kilogramm abgemagerte Angreß mit anderen Häftlingen am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit.

Angreß kehrte nach Paderborn zurück - »trotz der schlimmen Effahrungen, trotz der Verfolgungen, die er in unserer Stadt erdulden musste« , wie der Bürgermeister bei der Ehrenring-Verleihung hervorhob. Angreß fand Arbeit bei der Bahn (1981 trat er als Hauptsekretär in den Ruhestand). 1952 heiratete er wieder. Seine zweite Frau Anna war ihm Hilfe und Beistand bis zum letzten Atemzug.

»Stolz, ein Paderborner jüdischen Glaubens zu sein«

Mit großem Einsatz widmete sich Angreß dem Wiederaufbau der Jüdischen Kultusgemeinde Paderborn, die ihn erstmals 1961 in ihren Vorstand wählte. Von 1986 bis 2000 war er Vorsitzender dieser Gemeinde, die er auch viele Jahre in den Jugendhilfeausschüssen von Stadt und Kreis vertrat, ebenso ab 1987 in der Veranstaltergemeinschaft von »Radio Hochstift". 1987 zählte Erwin Angreß zu den Gründern der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Paderborn und war bis zu seinem Tode einer der drei Vorsitzenden.

Der geschäftsführende Vorsitzende dieser Gesellschaft, der katholische Theologieprofessor Hubert Frankemölle, wird - so war es der Wunsch des Verstorbenen - am Donnerstag auf dem jüdischen Friedhof die Grabrede halten. Landesrabbiner Dr. Henry Brandt (Dortmund) wird die Beisetzungszeremonie leiten.

Erwin Angreß wird in einem schlichten Holzsarg bestattet. In einem Grab ohne Blumen und Kränze, so wie es jüdischer Brauch ist. In jener Stadt, deren Ehrenring Angreß erst Vor wenigen Wochen tiefbewegt mit den Worten entgegen nahm: »Ich bin stolz darauf, ein Paderborner jüdischen Glaubens zu sein.«

Es waren Abschiedsworte.

 

Erwin Angreß: Er starb genau einen Monat vor Vollendung des 8O. Lebensjahres. FOTO: ROHL

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