Auferstehung der Bäume
“Auf ein Wort” von Pfarrer Christoph Keienburg

Pfarrer Christoph Keienburg

Pfarrer Christoph Keienburg

Die Bäume des Herrn stehen voll Saft, die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat. (Psalm 104, 16)

Vor knapp 40 Jahren wurde mir das Glück zuteil, General Sherman zu umarmen. Nicht den berühmten Kriegshelden der Unionstruppen im amerikanischen Bürgerkrieg (der war schon lange tot), sondern den nach ihm benannten Baum, eine Sequoia Sequoia im gleichnamigen Nationalpark in Kalifornien. Die lebte schon Anfang der 80er seit etwa 2000 Jahren, und von einer regelrechten Umarmung kann man bei einem Geschöpf, das über 80 m hoch ist und einen Umfang von 30 m hat, eigentlich nicht sprechen – sie war und ist das größte oberirdische lebende Wesen. Um sie herum stehen Dutzende anderer Riesen von ähnlichem Format, man kommt sich nicht klein, sondern winzig vor. Gulliver lässt grüßen. Fern aller Waldmystik und lange bevor Peter Wohlleben die Geheimnisse des Baumlebens erforschte, imponierte mir die schiere Größe dieses Mammutbaums – und seine Beständigkeit. Zur Zeit Jesu geboren, legt das 2000 Tonnen schwere Wesen bis heute kräftig zu; als vor ein paar Jahren ein Ast abbrach, dick wie eine zweihundert Jahre alte Eiche hierzulande, riss er einen regelrechten Krater in den Boden.
Seit diesem (zweiten) trockenen Sommer weicht meine Bewunderung für diesen und alle Bäume, die, ob Laub, ob Nadel, mit Obst oder ohne, etwas hermachen, und die mir den Psalter vom 1. Gedicht an (der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen…) so nahe bringen wie Jesu Erzählen vom Reich Gottes (die Vögel singen in seinen Zweigen), einer sich vertiefenden Traurigkeit. Die sogenannte Zivilisation ist im Begriff, buchstäblich allen Bäumen die Axt an die Wurzel zu legen.
Der stets nüchtern-abgeklärt wirkende Freund, Manager der Landschaftsplanung im Zentrum einer großen Stadt, hat einst Forstwissenschaft studiert. Ich habe nie Tränen in seinen Augen gesehen, bis jetzt, im Herbst, da ich ihn frage, wie es weitergehen soll. Er schüttelt einfach nur den Kopf. Solange wir ihnen das Wasser abgraben, haben sie keine Chance, nicht gegen Krankheiten, nicht gegen Borkenkäfer, Prozessionsspinner und wie die Kerle sonst alle heißen mögen. Da können wir noch so viele einzelne Linden retten und so viele Lutherbäume pflanzen wie wir wollen.
Mir will scheinen, dass, wo das Reich Gottes unter uns Gestalt annimmt, der Kampf um ihre Auferstehung auf die oberen Plätze der Agenda gehört. Dass die “Bäume des Herrn” irgendwann wieder einmal “voll Saft stehen”, das ist unsere Aufgabe, das macht sonst keiner.
Einen gesegneten Sonntag im wünschenswert feuchten Spätherbst wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Christoph Keienburg

Christoph Keienburg ist Gemeindepfarrer im Lukas-Bezirk der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Paderborn.
Der Beitrag ist in der Kolumne „Auf ein Wort“ der Neuen Westfälischen Paderborn am 22. November veröffentlicht.

 

 

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