Gottes Menschenfreundlichkeit
“Auf ein Wort” von Pfarrer Thomas Walter

Pfarrer Thomas Walter. FOTO: HEIDE WELSLAU

Pfarrer Thomas Walter. FOTO: HEIDE WELSLAU

Der Rücktritt von Andrea Nahles hat doch ziemlich viele erschreckt. Nach allem, was man so mitbekommen hat, ist es in der Fraktionssitzung sehr unfreundlich und hart zugegangen. Ich gestehe, dass ich Mitleid mit Andrea Nahles empfinde, völlig unabhängig von meiner persönlichen Meinung zu ihr als Politikerin.
Und mir wird noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, dass wir freundlich miteinander umgehen, denn jeder Mensch braucht es, dass man ihm mit Freundlichkeit begegnet. Da sind Politiker offensichtlich nicht anders als andere Menschen – zum Glück!
Zugleich sagt mir meine Familie auch schon mal, dass ich unfreundlich sei. Das erschreckt mich. Ich habe es meist gar nicht bemerkt. Manchmal wehre ich mich und behaupte, dass das nicht stimme, aber weiß ich das überhaupt? Wie bekomme ich mit, dass ich unfreundlich bin, wenn es mir nicht ein anderer sagt? Wenn ich unfreundlich reagiere, dann ja meist nicht bewusst, sondern weil ich angespannt bin, oder Angst vor etwas habe, oder mich über irgendwas aufgeregt habe. Dann rede ich lauter, oder schärfer, bin kurz angebunden oder mürrisch. Meine Familie kennt mich und spürt das, aber sie leiden auch darunter. Schnell reagiert der andere darauf, wird selber unfreundlich und in null Komma nix ist ein handfester Streit da, und Schuld sind dann natürlich wieder mal die anderen.
Und was bei uns schon so schnell passiert, wenn keiner eingreift und die Situation rettet, das passiert wohl auch so in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der großen Politik: aus Kleinigkeiten wird handfester Streit, der letztendlich zum großen Konflikt wird.
Aber dazu muss es nicht kommen. Was mir hilft? Die Menschenfreundlichkeit Gottes, wie er sie mir in Jesus Christus gezeigt hat. Ich erinnere mich daran, wie Jesus am Kreuz gestorben ist, ganz ohne Hass und Verachtung. Er war nun wirklich unschuldig und hat sich trotzdem nicht gewehrt. Und ich spüre, das hat er für mich getan, damit ich aus der Hölle meiner Selbstgerechtigkeit und meines Unfriedens befreit werde. Das gibt mir Kraft und Raum meine Schuld zu erkennen, sie vor Gott zu bekennen und mich bei denen zu entschuldigen, denen ich unfreundlich begegnet bin. Und bisher hat noch jeder mit einem Lächeln und neuer Freude darauf reagiert.

Thomas Walter ist Gemeindepfarrer im Matthäusbezirk der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Paderborn.
Sein Beitrag ist in der Kolumne „Auf ein Wort“ in der Neuen Westfälischen Paderborn am 7. Juni veröffentlicht.

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