Valentinstag: Ein Tag für die Nächstenliebe?
“Auf ein Wort” von Pfarrerin Silvia Reinecke

Silvia Reinecke, Schulpfarrerin des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn

Silvia Reinecke, Schulpfarrerin des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn

Es ist Valentinstag. Der Tag der Liebenden! Heute wird es rote Rosen regnen, Liebesbotschaften werden verschickt und kleine Aufmerksamkeiten verschenkt. Ein ganz normaler Arbeitstag als Tag der Liebe: Brauchen wir den? Ja! Denn längst ist dieser 14. Februar zu einem gesellschaftlichen Ritual geworden. Ein fester Termin im Kalender, übrigens auch für Schülerinnen und Schüler, die seit Wochen ihre großen Verschenkaktionen planen und heute auf eine Freundschaftsbekundung hoffen. Was Wunder, Liebe und Freundschaft sind nun einmal das Großartigste, was uns im Leben begegnet! Geschenke, die man weder verdienen noch kaufen kann und die die Welt mit anderen Augen sehen lassen. Was sonst lässt uns über uns selbst hinauswachsen und erfahren, dass wir durch Geben reich werden?!
Erinnern Sie sich noch an das erste Verliebtsein? Wissen Sie noch um das Gefühl des ehrfürchtigen Staunens und der ungläubigen Dankbarkeit in einem Moment, in dem Sie mit dem Herzen wussten: Ich, ja, wirklich ich, genau so wie ich bin, werde geliebt!? Ich weiß noch, wie ich mich eins mit dem Kosmos fühlte, tief verwurzelt in der Welt und von himmlischer Leichtigkeit erfasst! Dieses Herzenswissen, aufgehoben zu sein mitten in der Welt, ist für mich ein Gleichnis für Gottes unfassbar große Menschenliebe.
Im großen Schwelgen will ich nun aber nicht vergessen, wie fragil und gefährdet menschliche Beziehungen sind. Zu ihrem Bestand brauchen sie Pflege, Gesten der Zuneigung und Wertschätzung wie zum Beispiel die am heutigen Tag, und sie brauchen einen respektvollen Umgang miteinander. Aber gerade daran fehlt es oft.
Der gesellschaftliche Umgangston ist rauer geworden. Selbst im Deutschen Bundestag sitzt nun eine demokratisch gewählte Partei, die ganze Menschengruppen diffamiert und beleidigt. Diese Entwicklung kommt auch in der Schule an. „Du bist menschlicher Müll“ oder „Wenn ich so aussähe wie du, würde ich mich umbringen“. Solche demütigenden Worte kommen aus Schülermündern. Es ist also klar: Einige werden heute (mal wieder) nichts bekommen.
Wäre es da nicht eigentlich besser, der Valentinstag würde zum Tag der Nächstenliebe erklärt? Du sollst deinen Nächsten genau so lieben, wie du dich selber lieben sollst, heißt es in der Bibel. Mein Nächster, das ist jeder Mensch, dem ich begegne, nicht bloß meine Freunde und meine Familie. Jeden Menschen hat Gott zu seinem Ebenbild erschaffen, ihm eine besondere Würde gegeben, die ihm niemand absprechen kann. Die Gottesebenbildlichkeit umfasst aber auch einen Auftrag: Nämlich jedem Menschen mit Respekt zu begegnen und ihm so Ansehen zu verleihen. Das ist die Nächstenliebe, die wir nicht nur an der Schule und nicht nur am Valentinstag üben müssen!

Silvia Reinecke ist Schulpfarrerin des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn.
Ihr Beitrag ist in der Kolumne “Auf ein Wort” der Neuen Westfälischen Paderborn am 14. Februar 2020 veröffentlicht.

 

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