Auf ein Wort
Aufwachen, Jungs!

Pfarrer Christoph Keienburg

Pfarrer Christoph Keienburg

Gut, es gibt ein paar, die eher zufällig mit ihm ins Getriebe des Geschehens geraten – Statisten am Rande, wie der, dem sie das Kreuz auf die Schultern packen, als der Protagonist zusammenbricht, oder die beiden, die ihn am Ende rechts und links einrahmen , auch nicht gerade ausgesprochene Sympathieträger. Ein außenstehender Offizier: Wen haben wir da nur umgebracht!

Der Rest, so entfaltet es das gewaltige Panorama der Beteiligten, ist mehr oder minder aktiv verwoben in seinen Niedergang. Mit den Händen im Waschbecken oder am Geldbeutel, am Würfelbecher oder an der Peitsche. Ein von Todesangst auseinandergerissener Kreis von Freunden, angeführt von Maulhelden („Das geschehe dir nur nicht! Wir hier! Durch dick und dünn!“), die vom Schrei eines Hahns als Schisser entlarvt werden oder die einfach abhauen – und die dunkle Phalanx derer, die nachtreten, ihr Mütchen kühlen, empathiefrei dem seiner Würde buchstäblich Entkleideten dann auch den Körper zerstören.

Sein Vater habe ihm nicht viel an komplizierten Lebensregeln mit auf den Weg gegeben, sagte mir einst ein Freund, wenn, dann nur den Satz: Man haut keinen Schwächeren. Das ganze Drama der Passion, das sich in diesen Wochen in den Lektüren christlicher Gemeinden entfaltet, läuft immer wieder darauf hinaus, dass dieses Selbstverständlichste aller Moral verschwunden ist. Sobald das Gefälle von Stärke und Schwäche sich erst einmal etabliert hat, gibt es für sie kein Halten mehr. Für all diese Männer. Die fliehen oder zuschlagen.

Dabei zeigt die Szene, die in den evangelischen Leseordnungen an diesem Wochenende nach vorne drängt, dass da eine Chance gewesen wäre, … Ein Mann spricht von seiner Angst, von seiner Schwäche und erbittet, ja erfleht die Nähe der Gefährten: Haltet das aus, mit mir, ich weiß nicht weiter. Ertragt mit mir diesen Moment: Bleibet hier und wacht mit mir. Wachet und betet.

Aber wir wissen, dass sie einschlafen, mehrmals. Wie wir Männer notorisch einzuschlafen drohen, wenn kein probates Mittel zur Hand ist, eine unlösbare Situation zu bewältigen.

Frauen stehen an der Schädelstätte und sehen den Freund sterben, wachen Sinnes. Frauen „versehen“ die Freundschaftsdienste am Grab. Frauen werden Augenzeugen, wie Gott den tödlichen Spielen der Männer ein Ende bereitet. Für Maria und Salome und wie sie alle heißen hat Ostern schon begonnen, als Petrus und die anderen noch ihrem Versagen hinterherjammern.
Aufwachen, Jungs!

Eine gesegnete vorösterliche Zeit wünscht Ihr
Christoph Keienburg, Pfarrer des Lukas-Pfarrbezirks der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Paderborn

Der Beitrag ist erschienen in der Reihe „Auf ein Wort“ in der Neuen Westfälischen Paderborn am Freitag, 15. März 2019.

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