Eine lange Liste der Toten
Das Forum der Religionen Paderborn gedenkt der fast 35 000 Menschen, die auf der Flucht nach Europa starben

Die Totenrolle zog sich längs durch die Franziskanerkirche in Paderborn. FOTO: KALR-MARTIN FLÜTER

Die Totenrolle zog sich längs durch die Franziskanerkirche in Paderborn. FOTO: KARL-MARTIN FLÜTER

Paderborn. Mitte Januar sind an einem Wochenende 170 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Der öffentliche Aufschrei wäre groß gewesen, wenn es sich um Passagiere des Kreuzfahrtschiffs Aida gehandelt hätte. Die Nachricht wurde jedoch ohne große Aufregung vermerkt. Die Ertrunkenen waren Flüchtlinge – 170 weitere Menschen, die fast unbemerkt von der Öffentlichkeit auf der Flucht nach Europa starben. Das Forum der Religionen Paderborn erinnerte jetzt an die vergessenen Toten.
Wenn man die Namen von 34 361 Menschen hinter einander schreibt, ergibt das eine über 50 Meter lange Liste. Die europaweit agierende und von der EU unterstützte Organisation „United“ hat diese Aufzählung nach eigener Auskunft in Zusammenarbeit mit 555 Organisationen in 48 Ländern zusammengestellt. Der Delbrücker Martin Kolek, der selbst an Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer beteiligt war und über diese Erfahrung ein bewegendes Buch geschrieben hat, hat die Liste auf Einladung des Forums der Religionen nach Paderborn geholt.
In der Franziskanerkirche musste die Papierbahn in zwei Teile getrennt werden, damit sie in das Kirchenschiff passte. Die beiden Teile der Liste zogen sich längs über die Kirchenbänke, dicht beschrieben mit Namen der Menschen, die zwischen 1993 und 2018 auf der Flucht nach Europa umgekommen sind: ertrunken, erstickt, an Entkräftung gestorben, durch Suizid aus dem Leben geschieden … Hinzu kommen die zahllosen Menschen, von deren Tod niemand etwas weiß. Ihre Zahl dürfte ebenfalls in die Tausende gehen. Wenn die Namen oder das Alter nicht bekannt sind, erinnern der Todestag und die Todesursache in der unspektakulären und dennoch unfassbaren Statistik an die Verstorbenen.
Die Liste wirkte gerade wegen ihrer monströsen Einfachheit: eine 50 Meter lange Papierbahn dicht beschrieben mit gestorbenen Menschen zeigt mehr als alles andere die Dimensionen dieses Massensterbens. Mit „Hand, Zunge, Herz“ müsse man gegen ein Unrecht wie das Massensterben auf dem Mittelmeer vorgehen, sagte einer der Redner des Forums der Religionen in der Franziskanerkirche. An der Gedenkkerze vor dem Altar brachten Vertreter ein Symbol ihrer Religion an. Anschließend wandert die Gedenkkerze durch die religiösen Gemeinden Paderborns.
Das Forum der Religionen, ein Zusammenschluss von 13 Religionsgemeinschaften in Paderborn, hat sich der multireligiösen Zusammenarbeit verschrieben. Zu der Gedenkfeier eingeladen hatte das Forum, um „jeden einzelnen der Verstorbenen zu würdigen und im Gedenken zu ehren – weil wir Menschen sind.“

 

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