6. SOZIALKONFERENZ Leben und Arbeiten in der digitalen Stadt
Die Herausforderungen der Digitalisierung

Auf dem Podium: (v. l.) Dr. Harald Anacker (Fraunhofer-Institut Paderborn), Christiane Boschin-Heinz (Projektleiterin Digitale Stadt Paderborn), Wolfgang Marquardt (OWL GmbH), Rena Tangens (Internetaktivistin und Datenschutzexpertin), Dr. Bernd Groeger (DGB) und Prof. Dr. Günter Wilhelms (Theologische Fakultät). Moderiert wurde die Diskussion von Sylvia Homann (Radio Hochstift). FOTO: DEKANAT PB/BIRGER BERBÜSSE

Auf dem Podium: (v. l.) Dr. Harald Anacker (Fraunhofer-Institut Paderborn), Christiane Boschin-Heinz (Projektleiterin Digitale Stadt Paderborn), Wolfgang Marquardt (OWL GmbH), Rena Tangens (Internetaktivistin und Datenschutzexpertin), Dr. Bernd Groeger (DGB) und Prof. Dr. Günter Wilhelms (Theologische Fakultät). Moderiert wurde die Diskussion von Sylvia Homann (Radio Hochstift).

PADERBORN – „Am Anfang war der binäre Code: null eins eins eins null eins.“ Mit dieser digitalen Interpretation der biblischen Schöpfungsgeschichte begann die 6. Paderborner Sozialkonferenz. „Am achten Tag digitalisierte der Mensch die Schöpfung und schuf das Internet“, las Dechant Benedikt Fischer (Dekanat Paderborn) zu Beginn vor und erntete damit einige Lacher. Doch das Thema ist viel ernster, wie er und Superintendent Volker Neuhoff (Evangelischer Kirchenkreis Paderborn) deutlich machten: „Wir brauchen eine ethische Diskussion darüber, wo in der Digitalisierung die Seele auf der Strecke bleibt.“

Wir brauchen eine ethische Diskussion

Diese Diskussion wurde auf der Sozialkonferenz zum Thema “Der Mensch im Mittelpunkt?! – Leben und Arbeiten in der digitalen Stadt” vor gut 110 Teilnehmern aus Kirche, Politik, Gewerkschaften und Sozialverbänden geführt. Auf dem Podium im Audimax der Theologischen Fakultät saßen Dr. Harald Anacker (Fraunhofer-Institut Paderborn), Christiane Boschin-Heinz (Projektleiterin Digitale Stadt Paderborn), Wolfgang Marquardt (OWL GmbH), Rena Tangens (Internetaktivistin und Datenschutzexpertin), Dr. Bernd Groeger (DGB) und Prof. Dr. Günter Wilhelms (Theologische Fakultät). Moderiert von Sylvia Homann (Radio Hochstift) erörterten sie das „Leben und Arbeiten in der Digitalen Stadt“ und versuchten die Frage zu beantworten, ob der Mensch im Mittelpunkt bleiben könne.

Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen

In seinem Grußwort hatte Bürgermeister Michael Dreier dazu eine klare Meinung: „Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“, forderte er. Die Digitalisierung dürfe und müsse immer nur ein Werkzeug sein, das vom Menschen benutzt werde. Der Rektor der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Wolfgang Thönissen, nannte eben diese Frage „eine große Herausforderung“. Denn ohne Digitalisierung käme man heute nicht mehr aus.

Dieser Meinung war auch Wolfgang Marquardt: „Wir werden die Digitalisierung nicht aufhalten können.“ Die OWL GmbH wolle aber versuchen, die Chancen zu erschließen ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren. Digitalisierung sei das Kernthema in der Region Ostwestfalen-Lippe, schon vor Jahren sei der Fokus auf die digitale Transformation gelegt worden.

Akteure und Träger der 6. Paderborner Sozialkonferenz: (hinten v. l.) Rena Tangens (Internetaktivistin und Datenschutzexpertin), Christiane Boschin-Heinz (Projektleiterin Digitale Stadt Paderborn), Dr. Harald Anacker (Fraunhofer-Institut Paderborn), (Mitte v. l.) Superintendent Volker Neuhoff, Dr. Bernd Groeger (DGB), Sylvia Homann (Radio Hochstift), Rainer Fromme (Dekanat Paderborn), Wolfgang Marquardt (OWL GmbH), Detlev Herbers (Sozialinstitut Kommende), (vorne v. l.) Bürgermeister Michael Dreier, Dechant Benedikt Fischer, Prof. Dr. Günter Wilhelms (Theologische Fakultät), Susanne Bornefeld (Kirchenkreis-Sozialbeauftragte) und Anke Unger (DGB). FOTO: DEKANAT PB/BIRGER BERBÜSSE

Akteure und Träger der 6. Paderborner Sozialkonferenz: (hinten v. l.) Rena Tangens (Internetaktivistin und Datenschutzexpertin), Christiane Boschin-Heinz (Projektleiterin Digitale Stadt Paderborn), Dr. Harald Anacker (Fraunhofer-Institut Paderborn), (Mitte v. l.) Superintendent Volker Neuhoff (Evangelischer Kirchenkreis Paderborn), Dr. Bernd Groeger (DGB), Sylvia Homann (Radio Hochstift), Rainer Fromme (Dekanat Paderborn), Wolfgang Marquardt (OWL GmbH), Detlev Herbers (Sozialinstitut Kommende), (vorne v. l.) Bürgermeister Michael Dreier, Dechant Benedikt Fischer (Dekanat Paderborn), Prof. Dr. Günter Wilhelms (Theologische Fakultät), Susanne Bornefeld (Kirchenkreis-Sozialbeauftragte) und Anke Unger (DGB).

Über die „digitale Stadt“ berichtete Christiane Boschin-Heinz, die diesen Prozess in Paderborn als Projektleiterin begleitet. „Wir suchen smarte, also pfiffige Lösungen“, sagte sie. Dazu gehöre etwa die Frage, wie die offenen Daten in der Stadt genutzt werden könnten. Beispiele seien eine digitale Schulwegplanung, die „grüne Welle“ im Straßenverkehr, Navigation zu freien Parkplätzen, höhere Sicherheit bei Großveranstaltungen und die virtuelle Begehbarkeit von Baugebieten. Das sei „Digitalisierung zum Anfassen“, so Boschin-Heinz, die aber auch die Herausforderungen für die Menschen und die Stadt nannte. Sie betonte: „Wir müssen wissen, was mit unseren Daten passiert.“ Das müsse schon in der Schule ansetzen. Für Boschin-Heinz überwiegen jedoch die Chancen: Die Verwaltung sei überzeugt, dass sie die Lebensqualität in der Stadt verbessern könne. Ihr Fazit: „Digitalisierung ist keine Wahl mehr, sondern Pflicht“.

Digitalisierung zum Anfassen

Dr. Harald Anacker vom Fraunhofer-Institut betonte, dass der Charakter der Stadt nicht verloren gehen dürfe. „Wir müssen aufpassen, dass die digitale Welle die Stadt nicht überrollt“, warnte er. Mehr Aufklärung bereits in der Schule forderte Prof. Günter Wilhelms, der zugleich für mehr Nüchternheit in der Debatte warb.

 Großes Interesse: Gut 110 Teilnehmer waren in die Theologische Fakultät gekommen, um den Ausführungen der Experten zu lauschen und sich in die Diskussion einzubringen. FOTO: DEKANAT PB/BIRGER BERBÜSSE

Großes Interesse: Gut 110 Teilnehmer waren in die Theologische Fakultät gekommen, um den Ausführungen der Experten zu lauschen und sich in die Diskussion einzubringen.

Ein Kernthema der Sozialkonferenz war die rasante Veränderung des Arbeitsmarktes. Viele Berufe könnten dem technischen Fortschritt zum Opfer fallen, während in anderen Branchen geringerer Lohn und schlechte Arbeitsbedingungen bereits an der Tagesordnung sind. Einer vorgestellten Studie zufolge seien 18,3 Millionen Jobs, also 59 Prozent, durch die Digitalisierung bedroht. Eine andere Untersuchung besagt, dass in 15 Jahren 60 Prozent der Menschen in Berufen arbeiten, die wir heute noch gar nicht kennen. Die Folge dieses schnellen Wandels laut den Podiumsteilnehmern: „Unruhe und Angst“ und ein „digitales Prekariat“. Zudem gebe es die Frage, was mit der durch die Technik gewonnenen Zeitersparnis anzufangen sei? Mehr Arbeit – oder sinnvolle Freizeit? Für Bernd Groeger vom DGB steht über allem: „Die Mitarbeiter müssen mit einbezogen werden.“

Daten werden wie Rohstoff gehandelt

„Datenkraken trocken zu legen“,  ist das Ziel von Internetaktivistin Rena Tangens. „Wir müssen die europäische Kultur verteidigen gegen die grenzenlose Verkäuflichkeit“, sagte sie. Schließlich seien Daten im Begriff, das neue Öl zu werden und wie dieser Rohstoff gehandelt zu werden. „Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass Widerstand zwecklos ist“, machte sie deutlich. Gleichzeitig räumte sie mit dem Irrglauben auf, dass die Menschen durch die neue Technik mehr Zeit haben würden. Stattdessen werde alles daran gesetzt, sie dauernd zu beschäftigen, sagte Tangens mit Blick auf soziale Medien. Ihr Tipp: Einfach mal das Handy ausmachen.

Text und Fotos: Dekanat Paderborn/Birger Berbüsse

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