"Und dann entscheidet das Herz"
EINSEGUNGSJUBILÄUM Diakonissen Ursula Metz und Marlis Bethlehem

VON DIETER SCHOLZ (Neue Westfälische Warburg)

Superintendent Alfred Hammer i.R. hat am 11. Juni den Gottesdienst mit Segnung der Jubilarinnen (links Sr. Marlis, rechts Sr. Ursula) und der Feiergemeinde gehalten. FOTO: DIETER SCHOLZ/NW WAR

Superintendent Alfred Hammer i.R. hat am 11. Juni den Gottesdienst mit Segnung der Jubilarinnen (links Sr. Marlis, rechts Sr. Ursula) und der Feiergemeinde gehalten.
FOTO: DIETER SCHOLZ/NW WAR

SCHERFEDE – Damals legten sie sich fest, lenkten entschieden ihr Leben in eine nicht alltägliche Richtung: Vor 40 Jahren versprachen Ursula Metz und Marlis Bethlehem in der Kapelle in Hardehausen vor Gott und der Diakonissen-Kommunität auf dem Zionsberg, ihr Leben ganz nach dem Evangelium zu gestalten. Heute sind sie 80 und 77 Jahre alt. Hieß es früher nach den Klosterregeln Armut, Keuschheit und Gehorsam zu geloben, sind heute Anspruchslosigkeit, Ehelosigkeit und Verfügbarkeit eher nachvollziehbare Merkmale einer christlichen Schwestern-Biografie. Ein Leben der Begegnung mit Gott und den Menschen.
Schwester Ursula und Schwester Marlis werden sich an den Tag ihrer Einsegnung am 10. Juni 1979 gern erinnern. Ein feierlicher Schlusspunkt und zugleich Beginn nach einer aus Überzeugung gefällten Entscheidung, die in der langen Zeit des Noviziats gereift war.
Sie sei in der schönsten Stadt der Welt geboren, sagt Sr. Marlis. Und als Dortmunderin ein Kind des Ruhrgebiets. In den Trümmern der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Häuser sei sie großgeworden. „Herrliche Spielmöglichkeiten“, lächelt sie. Sie wird Kindergärtnerin, arbeitet in der Rhön und in Bremen, studiert in Kassel Sozialpädagogik und findet in der Pflegevorschule auf dem Zionsberg in Scherfede einen Platz. Sr. Ursula stammt aus der kleinen Ortschaft Holzburg im Schwalm-Eder-Kreis. Mit 32 Jahren tritt sie der Diakonissen-Kommunität bei. In Kassel hatte die ausgebildete Gemeindehelferin zuvor Sozialpädagogik studiert. Dann leitete sie in Scherfede das Kinderheim.
1973 zogen auch die Schwestern der Außenstationen der Kommunität auf den Zionsberg hoch über den Dächern der Scherfeder Häuser. Die ehemalige Pflegevorschule wurde als Gästehaus eröffnet. Eine Zeit des Umbruchs, sagt Sr. Marlis. Die Kommunität erfand sich neu: Das Gebet sollte von nun an mehr im Mittelpunkt stehen als die bisher geleisteten Tätigkeiten. Das gefiel der Dortmunderin. Da wollte sie sich einbringen. Es sei ein Prozess gewesen, sagt sie. Hatte zuvor der Blick auf die soziale Arbeit den Lebensrhythmus der Diakonissen bestimmt, wurde die Gemeinschaft nun spiritueller und als Lebensgemeinschaft ausgerichtet. „Wir schauten, welche Aufgaben Gott uns stellt“, sagt Sr. Marlis. Im Einkehrhaus und evangelischen Kloster spielt die Stille eine große Rolle, sagt Sr. Ursula. Schweigezeiten sind ihr wichtig. Das Leben sei auf Gott ausgerichtet, sagt Sr. Marlis. Sie sieht sich in ihrem einstigen Wunsch bestätigt.
Konkrete Erfahrung mit dem Gebet vermissen viele, sagt Sr. Ursula. Doch Beten wirke, weil es Menschen und Situationen verändere. „Kein frommer Überbau, für uns ist es real, dass Gott ein Gott ist, mit dem man in Kontakt sein kann“, erklärt sie. Unter den Schwesterntrachten klingeln in diesem Moment fast gleichzeitig die Mobiltelefone. Sie werden aus den Taschen gezogen und abgestellt. Jetzt ist das Gespräch wichtiger als die verpasste Nachricht. In der Bibel zu lesen und zu beten helfe, Entscheidungen zu treffen, sagt Sr. Ursula. Die Gemeinschaft stehe vor großen Herausforderungen. Was habe Gott mit der kleinen Gruppe auf dem Zionsberg im Sinn, die immer älter werde. Wie könne es auf dem großen Grundstück, „das wir sehr lieben“, in Zukunft weitergehen?

Superintendent Volker Neuhoff, Evangelischer Kirchenkreis Paderborn,  bringt als Geschenk einen Rosenstrauch mit zur Feier auf dem Zionsberg. FOTO: DIETER SCHOLZ/NW WAR

Superintendent Volker Neuhoff, Evangelischer Kirchenkreis Paderborn, bringt als Geschenk einen Rosenbusch mit zur Feier auf dem Zionsberg.
FOTO: DIETER SCHOLZ/NW WAR

Beide haben Freude an Begegnungen. „Die unterschiedlichsten persönlichen Probleme gemeinsam vor Gott zu bringen und nach Lösungen zu suchen“, sagt Sr. Ursula. „Menschen zu begleiten“, sagt Sr. Marlis. Wege mitzugehen, sei für sie nie eine Frage gewesen, sagt Sr. Ursula. Das Leben unter den Schwestern „ein Geschenk“. Sie sehe das so, sagt sie. Sie schätze die Gemeinschaft auch, weil „wir eine gewisse Streitkultur entwickelt haben“. Man habe gelernt, Schwierigkeiten nicht aus dem Weg zu gehen. Einmal in der Woche treffen sich die sechs Schwersten zur „Lichtgemeinschaft“. Dann wird vieles an- und sich vertrauensvoll ausgesprochen. „Ein wertvoller Augenblick, der uns immer wieder neu zusammenschweißt“, betont Sr. Ursula. „Sehr unterschiedliche Frauen, die sich eher den Kopf als die Füße waschen“, bemerkt Sr. Marlis. Und alle seien sie pädagogisch geprägt, entschuldigt sie. Sich voreinander die Meinung zu sagen, Dinge durchzudiskutieren und vor Gott zu legen: „Wir erleben, dass Gott uns befriedet“, sagt Sr. Marlis. „Wir haben uns diese Gemeinschaft nicht ausgesucht, es war Gott, der uns berufen hat“, ist sie sich sicher. „Gott mach’ etwas draus“, bittet sie. „Wir sind wie ein Orchester, das zusammenspielen muss.“
Sr. Ursula und Sr. Marlies gehören zu den drei ältesten Bewohnerinnen im Haus. „Wir müssen überlegen, wie wir uns zurückziehen“, sagt Sr. Ursula. Kein Rückzug aus Frust, sondern als gesunde Entwicklung, die in einer Gemeinschaft daraus bestehe, die Konzepte der jüngeren zu akzeptieren. „Doch alle Entscheidungen werden einstimmig gefällt“, hält sie fest.

Freude bei den Schwestern und Jubilarinnen über die Geschenke, hier der Rosenbusch. FOTO: DIETER SCHOLZ/NW WAR

Freude bei den Schwestern und Jubilarinnen über die Geschenke, hier der Rosenbusch.
FOTO: DIETER SCHOLZ/NW WAR

„Die Einsegnung vor vier Jahrzehnten war eine Antwort auf mein Suchen“, sagt Sr. Marlis. „Im Kopf geht es erst hin und her, dann entscheidet das Herz.“ Auch ein Gespräch mit einem Seelsorger habe zur Klärung beigetragen. „Gott hat mich an diesen Platz geführt. Ihn mit aufzubauen, war reizvoll“, fasst sie zusammen. Für Sr. Ursula erschien die Vorstellung des Eintritts zunächst nicht am Horizont. Sie wollte heiraten, Kinder bekommen. In Exerzitien sprach sie eine Schwester an. Sie habe den Eindruck, Gott wolle sie in ihrer Gemeinschaft haben. Der Gedanke verfestigte sich. „Dann sprach das Herz“, sagt auch sie.
Sr. Ursula und Sr. Marlies sind Seelsorger. Die Begleitung von Einzelgästen, im Gespräch, in Exerzitien und in der Klärung von Lebensproblemen ist neben den Stundengebeten eine Aufgabe der sechs Schwestern vom Zionsberg. Seelsorger sei jeder Christ, der mitten im Leben stehe, dafür brauche es kein Studium der Theologie, sagen beide und drücken dabei eine Gelassenheit aus, die Vertrauen schenkt. „Jedes Kloster hat seine eigene Prägung, jeder Mensch seine eigene Berufung“, sagt Sr. Ursula. In der Gemeinschaft setzen sie auf den Zusammenklang der Talente. Man müsse etwas wagen, um zu erfahren, wie der nächste Schritt aussehe und „um einen Weg unter die Füße zu bekommen“, sagt die Naturfreundin. „Dazu wollen wir ermutigen.“

 

 

 

 

 

 

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