VORTRAG Klaus Töpfer spricht im Berufskolleg des Kreises Höxter über die Flucht, ihre Ursachen und Zukunftsperspektiven
„Es ist an uns, etwas zu ändern“

VON HELGA KROOSS

Wollen aufmerksam machen: Mit der Vortragsveranstaltung zu Fluchtursachen wollen Professor Klaus Töpfer (von links), Hans Georg Harrer, Arbeitskreis Ökumenische Flüchtlingshilfe, die Sozialarbeiterinnen Gertrud Bouzaima und Marion Benzait und Bürgermeister Hermann Temme für den Zusammenhang zwischen unserer Lebensweise und den negativen Folgen in den Entwicklungsländern sensibilisieren. FOTO: HELGA KROOSS

Wollen aufmerksam machen: Mit der Vortragsveranstaltung zu Fluchtursachen wollen Professor Klaus Töpfer (von links), Hans Georg Harrer, Arbeitskreis Ökumenische Flüchtlingshilfe, die Sozialarbeiterinnen Gertrud Bouzaima und Marion Benzait und Bürgermeister Hermann Temme für den Zusammenhang zwischen unserer Lebensweise und den negativen Folgen in den Entwicklungsländern sensibilisieren. FOTO: HELGA KROOSS

BRAKEL – Niemand begibt sich ohne Not freiwillig auf die Flucht. Es sind Krieg, Verfolgung, Gewalt, Hunger und mangelnde wirtschaftliche Perspektiven, die Menschen nach Europa fliehen lassen. Doch, wie soll man mit dem Flüchtlingsstrom umgehen? „Wir müssen an die Ursachen der Flucht herangehen. Das ist eine sehr ethische und religiöse Verantwortung“, fand Professor Klaus Töpfer. Er war im Juni auf Einladung des Caritasverbandes für den Kreis Höxter und des Arbeitskreises Ökumenische Flüchtlingshilfe in Brakel im Berufskolleg Kreis Höxter zu Gast. Zahlreiche Interessierte, darunter auch Geflüchtete, verfolgten mit großer Aufmerksamkeit den Ausführungen des früheren deutschen Umweltministers (1987-1994) und Exekutivdirektors des Umweltprogramms der Vereinten Nationen in Nairobi (1997-2006).

Klaus Töpfer referierte zum Thema „Menschen auf der Flucht – Ursachen und Perspektiven“. „Ich halte es für einen gesellschaftlichen Skandal, was wir da derzeit in Berlin verfolgen“, legte der 79-Jährige nach. Es müsse endlich Position bezogen und die Flüchtlingsfrage beendet werden. Wenn dies nicht von der Wurzel her angesetzt werde, hinterließen wir unseren Kindern keine friedliche Welt. Denn für die Konflikte wie im Nahen Osten und in Afrika sei auch Europa verantwortlich. „Warum muss Afrika ein Land sein, das uns die Rohstoffe für unseren Wohlstand liefert?“ fragte Töpfer, dem es um Nachhaltigkeit geht.

Es könne doch auch anders gehen, meinte er und nannte ein Beispiel: „Die Wertschöpfung eines Baumes besteht darin, eine Stichstraße zu bauen, ihn zu fällen, aufzuladen und zur Verschiffung nach Europa zum Hafen zu transportieren. Warum kann der Baum nicht direkt vor Ort weiter verarbeitet werden? Das würde Arbeitsplätze schaffen“. Könnte man den Menschen ein positives Signal geben, dass sie in ihrem eigenen Land eine Zukunft und auch Perspektiven haben, sei die Krise zu meistern, sagte Töpfer. Er sprach von vorausschauender Diplomatie, dem Aufbau von verlässlichen Staatsstrukturen, von erheblichen Investitionen in Bildung und Ausbildung sowie dem schonenden Umgang mit Ressourcen als Maßnahmen.

Die absolute Mehrheit derer, die fliehen, würden innerhalb des Landes oder in die benachbarten Länder fliehen. Die Türkei sei das Land mit den meisten Flüchtlingen. Es sei an uns, etwas zu ändern. „Bleiben wir nicht in der negativen Betrachtung stehen. Nutzen wir die Krise nicht als Abwehr, sondern schauen wir nach positiven Aspekten und senden wir positive Signale“, appellierte Töpfer.

In der anschließenden Diskussionsrunde kamen auch Geflüchtete aus Guinea, Somalia, Afghanistan und der Türkei zu Wort. Als Grund für ihre Flucht nannten sie Verfolgung, Gewalt, Korruption und Kriminalität. Sie leben seit sechs Jahren und länger in Deutschland, versuchen sich zu integrieren, haben Deutsch gelernt, machen ein Praktikum. Die Chance auf eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz ist gering. Sie haben Angst abgeschoben zu werden. Ein junger Flüchtling aus Afghanistan hat seine halbe Familie verloren. Sie wurde ermordet. Auch er hat große Sorge abgeschoben zu werden.

Professor Töpfer zeigte große Anteilnahme gegenüber den Geflüchteten. Zugleich dankte er den vielen ehrenamtlichen Helfern, die aus eigener Verantwortung etwas tun, die Flüchtlinge willkommen heißen und sie im täglichen Leben unterstützen. Auch Bürgermeister Hermann Temme lobte den engagierten Einsatz der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer der Ökumenischen Flüchtlingshilfe. Die in der Aula aufgestellten Plakate verdeutlichten, wie Menschen in Deutschland mit ihrem Konsum zur Armut und Abhängigkeit von Menschen nicht nur in Afrika beitragen. Informationen gab es auch zur „Erd-Charta“, die für eine nachhaltige, gerechte und friedvolle Welt steht.

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