„Ein Bündel loser Fäden“
NACH DER EXPLOSION: Große Hilfsbereitschaft in Höxter
VON CHRISTINE HARTLIEB
Die Akteure des Kindermusicals „TVL-Das Traumverwandlungslabor“ unter Leitung
von Kantor Jost Schmithals sammelten Spenden für die Betroffenen der Explosion.
FOTO: EKP
HÖXTER – „Von einem Augenblick auf den anderen ist nichts mehr so, wie es vorher
war.“ So, wie es Pfarrer Dieter Maletz im Gedenkgottesdienst vier Tage nach der
verheerenden Explosion in Höxter predigte, empfanden es wohl viele Menschen.
Hunderte Katholiken und Protestanten hatten sich in der Nikolaikirche
versammelt, um der Toten, Verletzten und anderer Betroffener zu gedenken. „Wir
halten ein Bündel loser Fäden in den Händen“, verwies Maletz auf die Verwirrung
und Betroffenheit der Menschen.
Umso dankbarer äußerte er sich über die große Hilfsbereitschaft innerhalb der
Bevölkerung: Viele haben sich solidarisch gezeigt und angepackt, wo es nötig
war. Geschäftsleute, deren Ladenlokale verwüstet wurden erfuhren ebenso Hilfe
wie etwa die Evangelische Kirchengemeinde: Die katholischen Nachbarn boten
spontan an, die katholischen Kirchen vorübergehend gemeinsam zu nutzen. Die
Protestanten des Kiliani-Bezirks werden jedoch zunächst in der Evangelischen
Marienkirche Gottesdienst feiern. Die Kilianikirche selbst hatte bei de
Explosion starke Schäden davongetragen.
Über Solidarität konnte sich auch die Vorkindergartengruppe „Mausezahn“ freuen,
die von der Explosion im Evangelischen Pfarrhaus überrascht wurde: Privatleute,
Banken, Sparkassen und Wirtschaftsunternehmen boten den 15 Mädchen und Jungen
und ihren Betreuerinnen ein vorübergehendes Domizil an. Einziehen werden die
kleinen Mäusezähne jetzt in den Evangelischen Kindergarten „Löwenzahn“. Einer
der beiden Turnräume wird der Gruppe, die von einer Elterninitiative getragen
wird, für die nächsten Wochen zur Verfügung gestellt. Auch die Außenflächen
können die „Mäusezähne“ gemeinsam mit den Kindergartenkindern nutzen.
Voraussichtlich können die Kinder auch schneller als erwartet in ihr altes
Zuhause einziehen: „Innerhalb von vier bis sechs Wochen kann das Evangelische
Pfarrhaus wieder bezugsbereit sein“, kommentiert Ehrhardt Hemesoth vom
zuständigen Architekturbüro. „Es muss grundrenoviert werden und braucht neue
Fenster und ein neues Dach.“ Auch die Fußböden müssen erneuert werden.
Auf die Kilianikirche müssen die Protestanten jedoch deutlich länger verzichten:
„Es kann leicht bis Mai dauern“, kommentiert Hemesoth. Um genauere Aussagen zu
treffen und die Kosten der Sanierung einzuschätzen, muss er jedoch das statische
Gutachten abwarten. „Fest steht, dass alle Fenster und große Teile des Daches
erneuert werden müssen.“ Dabei werden auf die kirchlichen Gremien zahlreiche
Entscheidungen zukommen, auch Fragen des Denkmalschutzes müssen bedacht werden.
Unter veränderten Vorzeichen führten Kinder- und Jugendchöre der Ev. Gemeinde am
Wochenende nach der Explosion das Musical „TVL – Das Traumverwandlungslabor“
auf. „Gegenseitige Hilfe und Nächstenliebe sind zentrale Inhalte des Musicals“,
kommentierte Kantor Jost Schmithals. Man habe sich deswegen für die Aufführung
des Musicals entschlossen und sammelte im Rahmen der Veranstaltung Spenden für
die Betroffenen der Explosion.
Entgegen der Proteste von Kirchenvertretern und zahlreichen Bürgern hatte – mit
wenigen Abstrichen – auch das HUXORI-Volksfest an diesem Wochenende
stattgefunden. Zum Zeitpunkt des ökumenischen Gedenkgottesdienstes am Freitag
hatten die Buden bereits geöffnet. „Eine Fehlentscheidung“, urteilte Maletz im
Rahmen seiner Predigt. „Mir ist nach Feiern nicht zumute.“
© Ev. Kirchenkreis Paderborn29.09.05