In Delbrück steht ein Stück deutsch-deutscher Geschichte
GROSSE FREUDE Erstes Weihnachtsfest mit restaurierter Orgel

Freut sich über den Klang der restaurierten Eule-Orgel in der evangelischen Kirche: Organistin Larissa Bokk. Die ausgebildete Konzertpianistin bedient die 602 Orgelpfeifen zwischen 2,45 Meter und zwölf Millimeter gekonnt. Der Kauf und der Bau der Orgel durch die Firma Eule aus Bautzen stand ganz im Zeichen der Deutschen Wiedervereinigung.

Freut sich über den Klang der restaurierten Eule-Orgel in der evangelischen Kirche: Organistin Larissa Bokk. Die ausgebildete Konzertpianistin bedient die 602 Orgelpfeifen zwischen 2,45 Meter und zwölf Millimeter gekonnt. Der Kauf und der Bau der Orgel durch die Firma Eule aus Bautzen stand ganz im Zeichen der Deutschen Wiedervereinigung. FOTO: AXEL LANGER

VON AXEL LANGER

DELBRÜCK – „Das ist ein besonderer Augenblick. Das erste Weihnachtsfest in der sanierten Kirche und dazu noch eine grundrestaurierte Orgel spielen zu dürfen, ist wohl etwas einmaliges“, strahlte Lariassa Bokk nach dem ersten Weihnachtsgottesdienst in der evangelischen Segenskirche in Delbrück. Bereits seit über einem Jahr begleitet die ausgebildete Konzertpianistin als Organistin die Kirchengemeinde, doch wegen der Sanierung des Gemeindezentrums spielte sie nun erstmals an einem Weihnachtsfest die Orgel.
Dabei hat die Orgel, die zwischen 1990 und 1992 von der Firma Eule Orgelbau aus Bautzen gebaut wurde, eine besondere Geschichte, die auch durch die Deutsche Wiedervereinigung mitgeschrieben wurde. Bis 1992 war im Gemeindezentrum der evangelischen Kirchengemeinde eine in den ersten Nachkriegsjahren des zweiten Weltkriegs gebaute Orgel im Einsatz, die bereits in der ersten evangelischen Kirche in Delbrück, einem Holzbau am Laumes Kamp genutzt wurde. Diese wurde 1973 in das am Driftweg neu errichtete Gemeindezentrum mitgenommen. Allerdings machten der betagten und nach dem Krieg gebauten Orgel ungeeignete Metalllegierungen der Pfeifen und nicht ausreichend abgelagertes Holz sehr zu schaffen. Es wurde dringend Ersatz benötigt.
Im Rahmen einer Gemeindeversammlung informierte das Presbyterium im September 1988 über die Pläne. Doch mit dem Plan eine neue Orgel zu erwerben, erlebte die Kirchengemeinde ein Stück deutsch-deutsche Geschichte. Nach vielen Gesprächen mit Orgelsachverständigen und intensiven Beratungen sowie verschiedenen Angeboten entschloss sich der Kirchenvorstand mit der Firma Eule in Bautzen, seinerzeit noch in der DDR gelegen, zusammenzuarbeiten. „Für Eule sprach der gute handwerkliche Ruf der Firma und die klangliche Qualität der Orgel“, heißt es in der Gemeindechronik. Damit geriet die Delbrücker Kirchengemeinde nichts ahnend mitten in die Mühlen der deutsch-deutschen Wiedervereinigung und deren Folgen für die Wirtschaft, von der auch die Firma Eule betroffen war.
1972 wurde die Firma Eule – nach 100 Jahren Eigenständigkeit – zwangsverstaatlicht und war fortan ein „volkseigener Betrieb“ der DDR. Auch im Jahr 1988 ahnte in Delbrück niemand, dass binnen 24 Monaten sich die Situation grundlegend ändern und den Orgelkauf erschweren sollte. Die Planungen für eine neue Orgel wurden vorangetrieben. Auch als im Frühjahr 1990 die Orgel bestellt wurde, stand der Kaufvertrag im Zeichen der Wiedervereinigung. Der erste Kaufvertrag wurde mit der staatseigenen Außenhandelsorganisation DEMUSA der ehemaligen DDR geschlossen, nicht direkt mit Eule in Bautzen. Niemand konnte einschätzen, wie sich die friedliche Revolution auf die Abwicklung des Orgelkaufs niederschlagen würde.
Bis zum Baubeginn der Orgel im Herbst des Jahres 1990 ergaben sich weitere Veränderungen und neue Verhandlungen waren notwendig: Die inzwischen reprivatisierte Firma Eule teilte mit, dass sie aufgrund der Währungsunion und der Umstellung auf die westdeutsche D-Mark den zugesicherten Preis nicht einhalten konnte. Die Kosten für die neue Orgel stiegen auf 145.000 D-Mark. Geduld war gefragt. Doch alle Probleme konnten aus dem Weg geräumt werden. Und so konnte die Orgel am 22. März 1992 festlich eingeweiht werden. Die Orgel in der evangelischen Kirche zählt 602 klingende Pfeifen. Die größte Orgelpfeife misst 2,45 Meter, die kleinste zwölf Millimeter.
Mit der Sanierung der evangelischen Segenskirche (darüber wurde an dieser Stelle bereits berichtet) verbunden war auch die Generalüberholung der Orgel. Nach der Demontage und Einlagerung wurde die Orgel grundlegend gereinigt, die Orgelpfeifen, vor allem die sichtbaren, großen Prospektpfeifen überholt und von der Firma Hey-Orgelbau an einem neuen Ort innerhalb des Kirchenschiffs wieder aufgestellt. Bereits seit dem Sommer kann die Orgel wieder genutzt werden.

 

 

 

 

 

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