Klartext
Gummiband ist das neue Toilettenpapier

Pfarrerin Astrid Neumann

Pfarrerin Astrid Neumann

Letzte Woche war mein Mann das erste Mal wieder in der Schule. Er ist dort als Schulpfarrer tätig. Er kam mit dem Spruch nach Hause: „Gummiband ist das neue Toilettenpapier“. Ich wusste sofort was er meinte und musste lachen. Eine Kollegin aus der Schule nähte gerade wie wild Masken für Schüler*innen und Lehrer*innen. „Wer von euch noch Gummiband Zuhause hat, bringt es bitte mit, denn ich bekomme in unseren Geschäften kein Band mehr“.

Alle Welt näht – wenn er oder sie mit der Nähmaschine umgehen kann – Masken als Mundschutz. Seit dieser Woche sind sie in den Geschäften und im Einzelhandel Pflicht. Im Internet und bei YouTube gibt es tolle Beschreibungen, wie sie zu nähen sind. Es gibt die unterschiedlichsten Modelle. Wie schön, dass uns liebe Menschen welche genäht haben, so brauchte ich meine Nähmaschine nicht aus der Ecke zu holen. „Mama, mit dieser Maske siehst du aus wie eine Ente“. Naja, einen Schönheitswettbewerb gewinne ich damit sicherlich nicht. Und es wurde mitgedacht: „Astrid, wenn du die Trauerfeiern auch mit Mundschutz machen musst, habe ich dir hier eine dunkle genäht.“ Super.

Ich weiß noch nicht genau, wie ich das Maske Tragen finden werde. Jedenfalls muss ich noch üben. Mit meinen Hörgeräten ist das nicht so einfach. Zigmal habe ich nicht nur die Maske in der Hand beim Abnehmen, sondern auch die Hörgeräte. Wer mich kennt, weiß, dass Geduld nicht gerade meine Stärke ist. Aber ich werde es schon lernen, ohne dass diese teuren Geräte kaputt gehen (hoffe ich jedenfalls).

Meine Brille trage ich, damit ich besser sehen kann, eine Mütze setze ich auf, damit ich nicht friere, einen Fahrradhelm nehme ich, damit mein Kopf beim Stürzen geschützt ist, meine Hörgeräte trage ich, damit ich besser hören kann. Und die Maske? Die trage ich, damit mein Gegenüber und ich geschützt sind. Ein Ausdruck des biblischen Gedankens: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ In der Hoffnung, dass dadurch dieser kleine Virus nicht so schnell weiter um sich greift. Das Tragen wird uns zwar vordiktiert und dennoch ist es ein Akt der Nächsten- und der Selbstliebe. Ich stelle fest, dass der Akt der Nächstenliebe in dieser Krise einen höheren Stellenwert als sonst bekommt. Viele fragen, wo kann ich helfen, was kann ich noch tun? Ich selber habe das gespürt, als wir in Quarantäne waren. Es hat uns an nichts gefehlt. Immer war jemand da, er für uns eingekauft hat. Sogar Blumen habe ich vor unserer Haustür gefunden. Von unserer Nachbarin bekommen wir Kuchen gebracht, wenn sie gebacken hat. Inzwischen bringe ich welchen rüber, wenn meine Torte fertig ist.

Ich hoffe, dass dies so bleibt: dass wir weiterhin leckeren Kuchen bekommen und dass wir Menschen achtsam miteinander umgehen.

Übrigens, ich habe noch ein Päckchen Gummiband bei mir im Nähkasten gefunden.

Bleiben sie behütet.

Pfarrerin Astrid Neumann, Evangelische Weser-Nethe-Kirchengemeinde Höxter

Der Beitrag ist erschienen in der Neuen Westfälischen Höxter in der Reihe Klartext für Gläubige am Freitag, 1. Mai 2020.

 

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