Auf ein Wort
Kaputte Beziehungen

Pfarrer Thomas Walter. FOTO: HEIDE WELSLAU

Pfarrer Thomas Walter. FOTO: HEIDE WELSLAU

„Mit meinem Vater spreche ich kein Wort mehr.“ Der Satz war offensichtlich nicht für mich bestimmt. Die beiden Damen, die sich so angeregt unterhielten, gingen mit ihren Hunden spazieren, während ich ihnen entgegen joggte. So hörte ich nur diesen Satz. Er blieb bei mir hängen. Was war geschehen? Was hatte sich der Vater zu schulden kommen lassen, dass er nun so hart bestraft wird? Ich weiß es nicht und werde es wohl auch nie erfahren. Was mich am meisten erschreckt, ist, wie alltäglich das Ganze war. Dabei kann ich mir nichts Schrecklicheres vorstellen, als dass Kinder nicht mehr mit Vater oder Mutter reden. Das scheint mir die Höchststrafe zu sein. Oder ist es gar normal, dass Kinder den Kontakt zu Eltern abbrechen, Geschwister sich aus dem Weg gehen oder Eltern ihre Kinder verstoßen? Vermutlich kennt jeder so etwas in der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis oder ist gar selbst davon betroffen.

Heute wird viel über Altersarmut geredet, dabei ist die größte Armut nicht der Mangel an Geld, sondern der Mangel an Kontakten und die Einsamkeit, die daraus folgt. Wer wenig Freunde und Familie hat, ist stark von Verarmung gefährdet. Genauso wichtig wie Rentenreformen wären daher Überlegungen, wie Menschen auch im Alter in lebendigen Beziehungsnetzen leben können. Doch dazu fehlen uns ganz offensichtlich praktikable Lösungen. Kann der Glaube an Jesus Christus helfen?

Nachdem viele Jünger Jesus verlassen hatten (kirchliche Krisen gehören offensichtlich von Anfang an zum christlichen Glauben dazu), fragt Jesus seine 12 Apostel: „Wollt ihr auch weggehen?“ (nachzulesen im Johannesevangelium 6,67), doch sie bleiben. Petrus erkennt: „Du hast Worte des ewigen Lebens!“ Unsere Beziehungsprobleme können wir nur lösen, wenn wir neue Hoffnung und neuen Mut schöpfen. Dazu ist Christus in die Welt gekommen, dass wir in ihm den Vater kennen lernen, der uns unbedingt und bis in den Tod hinein liebt. Er gibt mir Kraft anderen zu vergeben, weil er mir vergibt, und er gibt mir Kraft auszuhalten, wenn Menschen, die ich liebe, nicht liebenswert zu mir sind. Manchmal hilft es, aus einer vergifteten Beziehung zu gehen, um mir und dem anderen Raum zu neuem Verhalten zu geben. Dann kann ich im Gebet zu Christus neue Kraft gewinnen und Schritte auf den Anderen zumachen. Vielleicht gibt es einen guten Neuanfang. Das wünsche ich der unbekannten Dame, die so große Schwierigkeiten mit ihrem Vater hat. Und ich wünsche es uns allen, dass wir im Vertrauen auf die Liebe Gottes immer wieder aufeinander zugehen, uns verzeihen und neue Wege miteinander gehen.

Pfarrer Thomas Walter, Matthäus-Pfarrbezirk der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Paderborn

Der Beitrag ist erschienen in der Neuen Westfälischen Paderborn am Freitag, 17. Januar 2020.

 

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