„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will euch erquicken.“
Predigt im GOTTESDIENST zur SYNODE in BEVERUNGEN am 10.Juni.2005
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Predigttext: Wochenspruch 2.So.n.Trinitatis, Matthäus 11,28
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus
Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
dieses Jahr ökumenisches Pfingstfest in Borchen. Hunderte fröhliche,
begeisterte Menschen aus der Evangelischen und Katholischen Kirche,
aus West-Tanzania, aus Kanada und England sind am Pfingstmontag
zusammenkommen. Die Stephanus-Kirche platzte aus allen Nähten. Ich
weiß das alles aus einem schönen Zeitungsartikel, in dem u.a. der Satz
zitiert wird: „Wir haben uns als Kirche zu sehr von Steuern und
Konjunktur abhängig gemacht.“
Ich kann das gut verstehen, wie bei einer so schönen Feier eines
gemeinsamen Pfingstfestes die Menschen diesen Satz ohne lange
Erklärung unmittelbar nachempfinden konnten: Kirche lebt - da wo man
Gottes Geist Raum gibt, wo die Fülle des Lebens zur Sprache kommt: die
Liebe und Schönheit Gottes, aber auch die Anwaltschaft für die
Schwächsten und für die Schöpfung. Nicht Steuern und Konjunktur
beleben die Kirchen, sondern Gottes Geist des Lebens.
Und was dieser Geist bewirkt, das ist der sogenannte Heilandsruf Jesu
in Matthäus 11, dem Wochenspruch dieser Woche: „Kommt her zu mir,
alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will euch erquicken.“
Einen Bibelvers aus dem Zusammenhang zu reißen, ist immer schwierig.
Aber diesen Satz hat der Evangelist Matthäus bewußt an ganz exponierte
Stelle seines Evangelium gesetzt. Er ist praktisch die Mitte der
Botschaft Jesu:
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will
euch erquicken.“
Mich interessiert besonders das kleine Wort: „alle.“ Seht, liebe
Schwesten und Brüder, das ist die „Ökonomie des Heiligen Geistes“. Ja,
Ihr habt richtig gehört: Ökonomie - nicht Ökologie oder Ökumene.
Ökonomie des Heiligen Geistes heißt, Gott gibt, was alle Menschen und
die ganze Schöpfung zum Leben nötig haben, im Überfluß. So steht es in
einem unbekannten Aufsatz des unbekannten Douglas Meeks aus dem Jahr
1980: „Gott und die Ökonomie des Heiligen Geistes.“
Lesen wir Paulus: „Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat
verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte uns
mit ihm nicht alles schenken?“(Römer 8,32)
Rettung für Mühselige und Beladene: Gott hat die Fülle, nun auch
wirklich jeden und jede zu neuem Ufern zu führen. Zeitmanagement,
Pflege der eigenen Ressourcen, Haushalten mit den eigenen Kräften -
all das braucht der Heilige Geist nicht. Aber wir brauchen das, liebe
Schwestern und Brüder. Wir sind nicht der Heilige Geist, auch wenn wir
das oft genug durchaus für möglich halten. Aber das heißt nicht, wir
brauchten keine eigene Ökonomie. Wir brauchen eine andere Öko-nomie.
Und die heißt: „Ökonomie ist die Kunst, knappe Güter angesichts
konkurriernder Ansprüche zu verteilen.“ Und unsere Güter auch in der
Kirche sind knapp. Wir haben zuwenig Zeit, zuwenig Phantasie und in
der Tat auch zuwenig Geld, um weiterzumachen wie bisher.Deshalb ist es
richtig, gut hauszuhalten. Nichts anderes ist Ökonomie als „gutes
Haushalten“. Ökonomie geht dabei vom Mangel aus, dass nämlich die
wesentlichen Güter knapp sind und nicht für alle reichen. Deshalb ist
gutes, gerechtes, intelligentes, professionellen Haushalten gerade mit
dem Geld notwendig. Ohne gerechtes Teilen geht es nicht. Es ist eben
nicht genug von allem da. Wer sagt: Was ich bisher hatte, gebe ich
nicht ab, nimmt es - vielleicht ohne es zu wollen - faktisch anderen
weg.
Ich gebe ehrlich zu, das habe ich in meinem Studium in den
70iger/80iger Jahren anders gehört. Da waren Jesus und Geld eher
Gegensätze. Aber lesen wir doch mal die Geschichten, die Jesus
erzählt, richtig: Jesus hatte nämlich ein eher unverkrampftes
Verhältnis zum Geld und zu den Menschen, die damit umgehen. Er stellt
sie den Christen geradezu als positives Beispiele vor Augen. „Warum
hast du mein Geld nicht auf die Bank gegeben? Dann hätte ich es nach
meiner Rückkehr mit Zinsen eingefordert!“ Lukas 19,23. Er hat im
Tempel die „Schulchanin“, die Tempelgeldwechsler herausgeworfen und
nicht die Bänker. Und in der diesjährigen Bibelwoche haben wir uns
vielleicht an Lukas 16, 1-9 die Zähne ausgebrochen, der Geschichte vom
„unehrlichen Verwalter“, in der die Konsequenz eines korrupten aber
cleveren Managers als Vorbild für Christen dargestellt wird.
Das Wirtschaften-Können ist wie ein Messer. Ein Instrument, etwas, was
man beherrschen sollte. Mit einem Messer kann man essen, man auch den
Nachbarn anstechen. Es macht aber keinen Sinn, das Messer zu
verdammen, weil man sonst verhungert. Es kommt nur darauf um, den
richtigen Umgang damit zu lernen. Und lernen heißt: Sich Veränderungen
anzupassen. Dies ist eine lebenslange Aufgabe.
„Jesus und das Geld“ ist der Titel eines aufschlußreichen Buches,
geschrieben von Heinz Schröder, dem Direktor einer Großbank, der sich
als Hobby mit historischen Münzen beschäftigt und eine erhellende
Sichtweise ermöglicht darauf, wie Jesus wirklich das Wirtschaften zu
seiner Zeit gesehen hat.
Was mich ermüdet, liebe Schwestern und Brüder, was mich mühselig und
beladen macht, das ist, dass ich oft die Ökonomien des Menschen und
des Heiligen Geistes verwechsle. Dass ich meine, meine eigenen Kräfte
seien unerschöpflich. Ich müßte, wir Menschen müßten - in der Kirche,
in der Gemeinde, in der Diakonie - alles aus eigener Kraft schaffen.
Wenn ich aber diesen Satz Jesu in mich hineinlasse: „Kommt her zu mir,
alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will euch erquicken.“,
dann bereife ich mit einem Mal, dass ich es gar nicht bin, dass wir
Menschen es gar nicht sind, die hier Unmenschliches schaffen müssen.
Unsere Aufgabe ist, auch zu unseren eigenen Begrenztheiten zu stehen,
eben „gut Hauszuhalten“ mit den dem eigenen Mangel. Aber eben gut
Hauszuhalten und möglichst professionell und sinnvoll diese unsere
wenigen Kräfte einzuteilen und anderen zukommen zu lassen.
Ich kann das aber nur, wenn ich der anderen Ökonomie, nämlich der des
Heiligen Geistes, traue. Auch wenn alle menschliche Kraft begrenzt
ist: Gott gibt allen das, was sie brauchen. Da braucht eben kein
Mangel verwaltet zu werden, da ist die Fülle. Für den Mangel an Brot
wirkt die Fülle des Heiligen Geistes z.B. das Teilen von Brot: Und aus
wenigen Broten und noch weniger Fischen werden Tausende satt. So wirkt
Gottes Geist.
Es ist richtig: „Wir haben uns als Kirche zu sehr von Steuern und
Konjunktur abhängig gemacht.“ Wir starren voller Angst auf den eigenen
Mangel. Er erschreckt uns. Vielleicht haben wir vergessen, dass dies
ganz normal ist. Wir brauchen als Menschen Ökonomie, eben weil die
Güter knapp und die Ansprüche konkurrierend sind. Das ist nun einmal
so - und es ist falsch, dies zu dämonisieren. Vielleicht kommt ja auch
die Angst vor dem Abgeben, dem Teilen, dem Sich-Beschränken aus einem
fehlenden Vertrauen auf Gottes Geist. Vielleicht beladen wir uns mit
soviel Mühsal, weil wir meinen, wenn wir nicht mehr können, dann ist
auch Gott am Ende. Vielleicht haben wir Angst, dass wenn wir nicht
mehr alles bezahlen können was wünschenswert ist, dass dann auch der
Heilige Geist insolvent wird.
Aber dann trauen wir wirklich dem Heiligen Geist zu wenig zu! Wir
müssen uns schon entscheiden: Man kann nicht zwei Herren dienen - Gott
und dem Mammom. Das Geld ist Mittel zum Zweck. Es ist ein Mittel, das
gut zu pflegen, mit dem sorgfältig und achtsam umzugehen ist - so wie
mit den Menschen, die es verwalten. Das Mittel zu verachten und nicht
wertschätzen, wird dem Zweck nicht dienlich sein.
Wenn es nur gelänge, uns von den Wirkungen des Heiligen Geistes
abhängig zu machen in der Kirche, dann könnten wir die Mühsal der
Selbstüberschätzung und die Last des ängstlichen Festhaltens an
Überkommenen locker überwinden. Kirche ist die Gemeinschaft derer, die
von der Ökonomie des Heiligen Geistes berufen sind: Alle sind
angesprochen, alle Menschen weltweit. Allen gilt die Frohe Botschaft,
alle sollen gerettet werden, für die ganze Schöpfung ist in Überfülle
gesorgt. Ich bin überzeugt, wenn in unserer Gemeinschaft etwas vom
Vertrauen auf diese Ökonomie spürbar wird, dann wird auch Kirche in
der Öffentlichkeit ganz neu begriffen und relevant werden. Wenn wir
nicht unseren Mangel mit dem Mangel von Gottes Liebe und Gottes
Möglichkeiten verwechseln, dann werden Seelen aufleben, hartes Denken
weich werden, Phantasie und Visionen neu erblühen. Der Heilige Geist
hat unendliche Kraft! Wovor haben wir Angst? Nehmen wir uns nicht so
wichtig: Gott wird schon unserem Tun und Lassen Flügel verleihen, das
es zum Segen für die Menschen wird. Er hat das schon öfter so gemacht.
Warum sollte er es nicht auch in Zukunft tun?
© Ev. Kirchenkreis Paderborn 11.06.05