Auf ein Wort
Maßvoll leben

Pfarrerin Christine Grünhoff, Martin-Luther-Gemeindebezirk, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Paderborn

Pfarrerin Christine Grünhoff, Martin-Luther-Gemeindebezirk, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Paderborn

Neulich las ich in der Zeitung einen Bericht über ein Dorf in der Normandie (Nordfrankreich). Während andere Dörfer nach und nach aussterben, blüht in Saint-Georges-du-Vièvre das Leben: In dem Dorf mit 850 Einwohnerinnen und Einwohnern gibt es sage und schreibe 15 Geschäfte, zwei weitere sollen eröffnet werden. „Reich werden kann hier bei dem überschaubaren Kundenkreis natürlich keine Kleinunternehmerin“, wird eine Geschäftsfrau zitiert, „aber es reicht für ein bescheidenes Auskommen.“

„Es reicht“ – diese beiden Worte sind mir einige Zeit im Kopf herumgegangen. Was wäre, wenn es uns reichen würde? Wenn es nicht immer mehr sein müsste? Wenn der DAX nicht ständig steigen müsste? Wenn die Gehälter von Top-Managern wieder in nachvollziehbare Dimensionen zurückgehen würden?

Gemessen an den Generationen vor uns und gemessen an den meisten Menschen auf unserer Welt sind viele Menschen in Deutschland reich. Andere wissen nicht, wie sie mit dem letzten Rest Geld bis zum Monatsende auskommen sollen. Und wenn die Waschmaschine kaputtgeht, ist das für sie eine echte Katastrophe.

Ich fürchte, dass uns als Gesellschaft das gute Maß verloren gegangen ist. Für Christinnen und Christen ist die Bibel der Maßstab zum Leben. Von einem, der nicht alles bis zum Letzten ausschöpfen muss, erzählt das biblische Büchlein Ruth. Boas heißt er, und in meinen Augen findet er ein gutes Maß für gesellschaftliches Zusammenleben. Damals in Israel durften die Armen in der Erntezeit auf den Feldern die Ähren einsammeln, die den Erntearbeitern zu Boden gefallen waren. Ruth, eine Ausländerin, die für sich und ihre mittellose Schwiegermutter Noomi sorgen muss, liest auf dem Feld des Boas Ähren auf. Und Boas sorgt dafür, dass mehr Ähren liegen bleiben als erforderlich. „Beschämt sie nicht“, sagt er zu seinen Leuten.

Was für Boas ein überschaubarer Verzicht ist, ist für Ruth und Noomi eine große Hilfe. Natürlich ist unsere Welt komplexer als diejenige von Ruth und Boas. Doch ihre Geschichte ist für mich ein Wegweiser auf der Suche nach dem guten Maß. Und sie gibt mir die Zuversicht, dass es ein solches Maß auch für uns heute gibt.

 Pfarrerin Christine Grünhoff, Martin-Luther-Gemeindebezirk, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Paderborn

 Der Beitrag ist erschienen in der Neuen Westfälischen Paderborn am Freitag, 8. Juni 2018.

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