Auf ein Wort
Schöne neue Welt

Heidrun Greine, Pfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) Paderborn

Heidrun Greine, Pfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) Paderborn

Von Pfarrerin Heidrun Greine

„Menschen leiden. Menschen sterben. Wir befinden uns im Anfang eines Massenaussterbens, und alles, woran ihr denken könnt, sind Geld und Märchen von ewigem Wachstum. Wie könnt ihr es wagen!“ Wütend schleuderte Greta Thunberg am 24. September diese Worte den Teilnehmenden des UN- Klimagipfels entgegen. Eine 16- jährige Schülerin liest den Mächtigen der Welt die Leviten und sie applaudieren.

Das erinnert mich an eine Szene aus dem Roman von Aldous Huxley `Schöne neue Welt`, die mich als Jugendliche stark bewegt hat. In dieser fiktiven Welt leben die Menschen im Frieden und ohne Krankheit, aber auch ohne Individualität und ohne eigene Willensentscheidungen, alles wird ihnen von sogenannten Weltaufsichtsräten vorgeschrieben. Nur die ausgegrenzten, „wilden“ Menschen in den Reservaten führen noch ein individuelles Leben. In dieser Welt entscheiden wenige Menschen über das Schicksal der Menschheit. Einer dieser Weltaufsichtsräte trifft auf einen „Wilden“, der in diese schöne neue Welt geraten ist. Sie diskutieren eine bestmögliche Welt. „Ich brauche keine Bequemlichkeiten. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde.“ sagt John, der „Wilde“. „Kurzum“, sagte Mustapha Mond, der Weltaufsichtsrat, „Sie fordern das Recht auf Unglück.“ Dieser Weltaufsichtsrat im Roman ist klug und belesen und meint mit seinem Tun das Beste für die Welt zu bewirken, aber ob es wirklich das Beste ist, das muss doch diskutiert werden dürfen. Das scheinen die UN- Delegierten wohl auch so gespürt zu haben. Jeder Mensch muss Anteil an dieser Diskussion haben dürfen.

Vor 2000 Jahren hat Jesus Christus die Menschen aufgefordert, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht mit bestehenden Machtverhältnissen abzufinden. Er lädt uns ein in das Reich Gottes, das ein sehr gegenwärtiges Reich ist. Auch in vielen biblischen Geschichten werden die Machtverhältnisse umgekehrt. Hier haben die kleinen, armen und ohnmächtigen eine Stimme und Jesus Christus ermutigt sie, diese auch zu erheben und die Verhältnisse zu ändern. Nur so kann eine wirklich schöne neue Welt entstehen.

Heidrun Greine ist Pfarrerin der Evangelischen Studierenden-Gemeinde Paderborn.

Der Beitrag wurde in der Kolumne „Auf ein Wort“ in der Neuen Westfälischen Paderborn am 25. Oktober 2019 veröffentlicht.

 

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