Start des KrisenKompass der Telefonseelsorge

Suizidprävention wird digital

Ökumenische Telefonseelsorge Paderborn: Leiterin Monika Krieg (rechts) und ihre Stellvertreterin, Pfarrerin Dorothea Wahle-Beer. FOTO: TS PADERBORN

Ökumenische Telefonseelsorge Paderborn: Leiterin Monika Krieg (rechts) und ihre Stellvertreterin, Pfarrerin Dorothea Wahle-Beer. FOTO: TS PADERBORN

PADERBORN/DEUTSCHLAND – Alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Jährlich sind es etwa 10.000 Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen, Menschen aller Altersstufen und Lebensformen. Hinter jedem Einzelnen steht ein Schicksal und oft auch zahlreiche Menschen, die als Angehörige, Freunde, Hinterbliebene betroffen sind.
Die Telefonseelsorge war 1956 die erste Suizidpräventionsmaßnahme in Deutschland. Seitdem sind weitere Organisationen zur Suizidprävention hinzugekommen und die Themenfelder in der Telefonseelsorge haben sich erweitert. Dennoch hat die Telefonseelsorge immer an ihrer Ursprungsidee festgehalten, Menschen in akuten existentiellen Krisen beizustehen.
Seit dem 10. März 2020 ist zu den bestehenden Formaten noch ein weiteres niedrigschwelliges Angebot hinzugekommen: der „KrisenKompass“ in Form einer App. Sie richtet sich an drei Gruppen: an Menschen in der suizidalen Krise, an Angehörige, Kollegen und Freunde, die unterstützen wollen sowie an Angehörige, die eine Person durch Suizid verloren haben. Der KrisenKompass werde auch von der Telefonseelsorge Paderborn eingesetzt, so Monika Krieg, Leiterin der Telefonseelsorge Paderborn und die stellvertretende Leiterin der ökumenischen Einrichtung, Pfarrerin Dorothea Wahle-Beer.
„Wir haben die App entwickelt, um jene zu unterstützen, die sich nicht trauen mit uns zu sprechen oder uns zu schreiben. Wir hoffen, dass dieses niederschwellige Angebot das Rüstzeug an die Hand gibt, einen Krisenfall besser zu meistern“, erklärt Dorothee Herfurth-Rogge (Vorsitzende der Evangelischen Konferenz für TelefonSeelsorge und Offene Tür e.V.) den Hintergrund der App.
Die App bietet neben Notfall-Adressen und Sachinformationen zu Themen wie Suizid, Trauer und Entspannungstechniken zahlreiche weitere Möglichkeiten, die die Einzelnen jeweils persönlich eingeben und im Krisenfall nutzen können. Manche von ihnen sind aus der Psychotherapie bekannt: wie zum Beispiel die Aufzeichnung von Stimmungen als Tagebuchfunktion oder das Anlegen eines Safety-Plans. „Er kann in stabilen Momenten angelegt werden und ist sehr hilfreich, wenn man weiß, in der Krisensituation kann ich darauf zurückgreifen“, beschreibt Projektleiter Dr. S. Schumacher, Leiter der Telefonseelsorge Hagen-Mark, den Mehrwert. „Als Erste-Hilfe-Koffer für den Notfall kann ich in der App außerdem persönliche Archive anlegen, um aufbauende Gedanken oder persönliche Fotos, Erinnerungen oder Lieder zu speichern.“ Damit kann die App nicht nur als Soforthilfe genutzt werden, sondern gegebenenfalls auch ein gutes Werkzeug für die therapeutische Begleitung sein.
Die Telefonseelsorge ist zuversichtlich, dass diese App quasi als Erste-Hilfe-Koffer für die Hosentasche dazu beiträgt, Betroffene und ihr Umfeld in suizidalen Krisen zeitnah zu unterstützen und möglicherweise sogar Suizide verhindert.

Hier kann die App heruntergeladen werden:

FÜR iOS: https://ios.krisen-kompass.app

FÜR ANDROID: https://android.krisen-kompass.app

Die Telefonseelsorge steht rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr für Ratsuchende bereit – telefonisch, per Chat und Mail sowie in einigen Städten auch persönlich vor Ort. In Paderborn wird die Einrichtung ökumenisch getragen vom Gemeindeverband katholischer Kirchengemeinden Hochstift und dem Evangelischen Kirchenkreis Paderborn.
2019 wurden bundesweit 932.100 Telefonate, 49.951 Vor-Ort- und 19.540 Chat-Gespräche geführt sowie 34.795 Mails geschrieben. Das Thema Suizidalität (Suizidabsicht, Suizidversuch, Suizidgedanken, Suizid eines anderen) wurde in rund 103.000 der Kontakte thematisiert (Telefon, Mail, Chat und Vor Ort).
Dank der Unterstützung der Deutschen Telekom sind die Telefonnummern 0800/1110111 und 0800/1110222 gebührenfrei.