Osterlachen

Predigt über 1. Korinther 15,1-11

Ostersonntag, 11.April 2004

Anke Schröder, Superintendentin

Abdinghofkirche, Paderborn

 

Superintendentin Anke SchröderLiebe Gemeinde,
in den Gottesdiensten früherer Zeiten gab es den Brauch des Osterlachens. Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurde er gepflegt. Der Prediger versuchte, seine Gemeinde zum Lachen zu bringen. Lachend sollten die Menschen die befreiende Botschaft des Osterfestes an Leib und Seele erfahren. Die zerstörerischen, tödlichen Mächte wurden einfach ausgelacht. „Ihr habt keine Macht mehr über uns. Ihr könnt uns nicht klein machen. Ihr könnt uns keine Angst mehr einflößen. Gott ist stärker. Das Leben siegt über den Tod.“ Das war die Aussage dieses Lachens und alle, die es praktizierten, werden gemerkt haben, wie heilsam und wohltuend das war.

Vor Jahren lernte ich eine Frau kennen, die dieses Osterlachen erlebt hatte. Es war gar nicht zu Ostern aus ihr herausgebrochen, sondern – wenn ich mich recht erinnere – irgendwann im Sommer. Vor einiger Zeit war ihr Mann gestorben. Sein Tod hatte sie in eine tiefe Traurigkeit gestürzt, von der sie sich gar nicht wieder erholen konnte. In jenem Sommer wurde sie zu einer Hochzeit eingeladen. Eine junge Frau aus ihrer Familie heiratete, irgendwo in der Schweiz. Die Frau kaufte sich ein neues Kleid, reiste dorthin und erlebte ein wunderschönes Fest. Ihre Augen leuchteten, als sie davon erzählte. Das Brautpaar sei so schön anzusehen gewesen, das Essen hätte traumhaft gut geschmeckt und dann – Musik und Tanz! Auch sie hätte getanzt. Nach all den Monaten der Trauer sei das wundervoll gewesen.

Zusammen mit anderen Gästen fuhr die Frau nach dem Fest zurück nach Hause. Während der Zugfahrt unterhielten sie sich darüber, was sie gemeinsam erlebt hatten. „Dabei habe ich“, sagte die Frau, „gelacht und gelacht und gelacht. Es war, als ob ein Panzer von mir abfiele, der mich so lange in meiner Traurigkeit gefangen gehalten hatte.“

Das ist wahre Osterfreude. Nicht dass die Welt auf einmal heil wäre. Aber es ist erfahrbar, dass das Leben stärker ist als der Tod. Diese Erfahrung löst das Osterlachen aus.

„Die Welt ist mir ein Lachen“, so haben wir eben gesungen. „Die Trübsal trübt mir nicht mein Herz und Angesicht.“ Aber wie kommt man dazu, in dieses Lachen einstimmen zu können?

Paulus versucht, den Menschen in Korinth die Osterbotschaft nahe zu bringen. Dabei hat er allerdings nichts zu lachen. Seine liebe Mühe hat er mit den Korinthern. Immer wieder muss er eingreifen, damit sie sich nicht völlig zerstreiten. Immer wieder muss er die Grundlage des christlichen Glaubens zusammenfassen, damit sie wissen, woran sie sich zu halten haben: Für uns ist Christus gestorben und am dritten Tage auferstanden. Damit sie dies auch wirklich glauben, führt er eine ganze Reihe von Zeugen an. Er zählt auf, wer den Auferstandenen alles gesehen hat und reiht sich selbst mit ein. „Der Beweiskraft dieser Zeugen könnt ihr euch doch wohl nicht entziehen“, höre ich ihn sagen, beschwörend,ein wenig ängstlich vielleicht und auch liebevoll. Jeder und jede soll es doch wissen und glauben können: Jesus ist gestorben, damit wir Menschen den Weg ins Leben finden.

Damals wie heute ist es gar nicht selbstverständlich, dass sich Menschen von der Osterbotschaft anstecken und verändern lassen. Ein Ereignis wie die Auferstehung ist doch auch im wahrsten Sinne des Wortes un-glaub-lich. Erklärende Worte, schlüssige Argumentationen lassen uns rational erfassen, was Auferstehung bedeutet. Fröhlichkeit lösen sie nicht aus. Zum Lachen bringen sie uns nicht. Denn Auferstehung kann man nicht denkend erlernen, sondern nur fühlend erleben. Auferstehung ist kein Diskussionsgegenstand, den wir von allen Seiten betrachten, hin und her wenden können. Auferstehung ist ein befreiendes Erlebnis, das wir uns einfach nur schenken lassen können. Darum führt Paulus glaub-würdige Zeugen an. Durch den Menschen Jesus hat Gott uns die Erfahrung der Auferstehung ermöglicht. Menschen tragen den Glauben daran weiter bis heute.

Ich erinnere mich an ein Gespräch im Konfirmandenunterricht. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden sollten in sich selbst hineinhorchen und prüfen: Wie steht es mit meinem Glauben an die Auferstehung? Kann ich mich darauf einlassen oder stehen mir zu viele Bedenken im Weg? Argumente wurden gesammelt und ausgetauscht. Einige vertraten die Meinung: „Die Auferstehung müssen die Menschen damals erfunden haben. Bestimmt war Jesus gar nicht richtig tot, sondern nur bewusstlos.“ Überraschend viele aber haben gesagt: „Wenn Menschen heute noch immer an etwas glauben, das vor so langer Zeit geschehen ist, dann muss doch etwas dran sein.“

Die Konfirmanden treffen damit genau das, was Paulus zu vermitteln versucht. Es gibt so viele Menschen, die weitergeben, was sie selbst gehört und gesehen haben. Sie erzählen von ihren Erfahrungen. Sie wecken damit Glauben und Hoffnung. Sie machen uns aufmerksam auf die Auferstehungserfahrungen unseres eigenen Lebens.

Glaubwürdige Menschen gibt es auch in unserer Zeit. Menschen, die eine lebendige Gottesbeziehung haben. Menschen, die durch ihre Lebensweise deutlich machen, woher sie ihre Kraft beziehen. Menschen, deren Glaube ganz konkrete Auswirkungen auf ihr Tun hat. Berühmte Persönlichkeiten können das sein, die Außergewöhnliches leisten. Es können aber auch Menschen sein, die uns auf unserem Lebensweg begegnen und Bedeutung erlangen, oft ohne es selbst zu wissen. Der Pfarrer, der einen konfirmiert hat, kann eine wichtige Rolle spielen oder die eigene Großmutter. Die Großmütter haben bis heute eine entscheidende Funktion in der Weitergabe des Glaubens. Ich z.B. hatte solch eine Großmutter. Sie war immer dunkel gekleidet. Ich habe sie erst kennen gelernt, als ihre Haare schon grau waren. Sie trug sie in einem Knoten zusammengesteckt. Sonntags nachmittags, wenn meine Eltern und ich zu Besuch kamen, saß sie in der Sofaecke, mit einer Fußbank unter ihren kurzen Beinen. Auf dem Tisch lag das Gesangbuch, in schwarzes Leder eingebunden, mit Goldschnitt und daneben die Brille. Das ist lange her, aber die Ruhe und Zufriedenheit, die sie ausstrahlte, sind mir noch ganz gegenwärtig. Unter uns Enkeln sorgte sie dafür, dass niemand bevorzugt oder benachteiligt wurde. Die Güte, die von ihr ausging, habe ich immer mit dem Gesangbuch auf ihrem Tisch in Verbindung gebracht. Sie hatte Zugang zu einer Wirklichkeit, von der ich als Kind noch nicht viel wusste. Aber sie hat mich neugierig und aufmerksam gemacht.

Meine Großmutter hat kein leichtes Leben gehabt. Es sind meistens nicht die starken, unversehrten, reichen Menschen, die uns nahe bringen, was Auferstehung bedeutet. Es sind vielmehr jene, deren Lebenslauf Brüche und Umwege aufweist, deren Hoffnungen zerplatzt sind wie Seifenblasen, deren Körper und Seelen Narben aufweisen. Wenn sichtbar wird, welchen Belastungen diese Menschen ausgesetzt sind, wie viel Mut und Hoffnung sie dagegen setzen, wie viel Lebenskraft sie sich immer wieder schenken lassen, dann fällt es leichter, an das neue Leben zu glauben.

Solch neues Leben hat Gott Jesus geschenkt. Er schenkt es auch uns.

Auferstehung heißt, aufzustehen aus allem, was dem Leben widerspricht,aufzustehen aus Krankheit und Schmerz,
aus Schuld und Tod, aus Ungerechtigkeit und Hass.

Dieser Prozess ist oft langwierig und unbequem. An seinem Ende aber steht neue Lebensfreude.

Mitten hinein in die Dunkelheit und Leere auch unseres eigenen Lebens ertönt der Ruf der Osterbotschaft.

Da, wo wir selbst nicht mehr weiter wissen und uns nur noch fallen lassen können, wird alle Erstarrung gelöst und auch uns neues Leben geschenkt. Jesus liegt nicht mehr im Grab. Er lebt und wir sollen auch leben. Nach Traurigkeit und Schmerz,  nach Schuld und Tod können auch wir befreit aufatmen und unseren Weg fröhlich weitergehen. Wir können anderen erzählen, was wir gehört und gesehen haben. Wir können berichten, wie neue Kraft und Lebendigkeit in uns wuchs.

Auch wir sind Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung. Ich bin sicher, im Leben jedes und jeder einzelnen von uns gibt es diese Erfahrung, wie aus Traurigkeit und Verzweiflung neue Lebensfreude erwuchs, wie Angst und Sorge aufgelöst und in neue Hoffnung verwandelt wurden. Unsere eigenen Erfahrungen und die der anderen Menschen, mit denen wir in der Gemeinschaft des Glaubens verbunden sind, stärken uns. Sie lassen uns der Welt und dem Tod ins Gesicht lachen.

Ja, wir wissen es, Schmerz und Schuld und Tod wird es auch in Zukunft geben. Aber sie können uns nicht zerstören.

Das Leben, das Gott uns schenkt, ist stärker.

Wir haben Jesus an unserer Seite, der durch den Tod hindurchgegangen ist und der lebt in Ewigkeit.

Das ist unser Grund, fröhlich zu sein.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie das Osterlachen so richtig erfasst, heute oder morgen oder wann auch immer. Mögen dann auch Menschen um Sie sein, mit denen sie dieses Lachen frohen Herzens teilen können.

Amen.


 

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© Ev. Kirchenkreis Paderborn 10.04.04