Auf ein Wort
Von Katzen lernen

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Kein Zweifel: Luna ist schlecht gelaunt. Sie streift durchs Haus, meckert leise vor sich hin. und blickt aus dem Fenster: Nur Regen. Und kühl. Ich will Luna freundlich über den Kopf streichen, aber werde nur wütend angefaucht. Wahrscheinlich bin ich an dem Wetter schuld. Selbst das Essen schmeckt nicht. Oder besser: das Fressen. Denn Luna ist eine von zwei zugelaufenen frechen Straßenkatzen.

Jetzt macht sie sich auf die Suche. Sie schaut sich nach ihrer vierpfötigen Mitbewohnerin um. Die beiden können sich nämlich gar nicht leiden. Gehen sich, wenn möglich, aus dem Weg. Oder suchen sich, nur, um der anderen aufzulauern und sie dann anzufauchen. So auch dieses Mal. Als ob sie jemanden brauchen, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen müssen, gehen sie aufeinander los und zeigen ihre Krallen.

Eine Stunde später. Eine Katze liegt friedlich vor der Terrassentür, die andere hat endlich ausgiebig gefressen und will jetzt heraus. Es regnet nicht mehr. Beide Katzen schauen einander an und sind überhaupt nicht mehr auf Krawall gebürstet. Alles bleibt friedlich. Luna tobt fröhlich durch den Garten, die andere Katze folgt ihr kurze Zeit später und wälzt sich vor Übermut im Gras.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ Das ist die Jahreslosung aus dem Psalm 34. Gerade habe ich gelesen, Schuld an dem Unfrieden in unserer Gesellschaft ist die fehlende Streitkultur. Wir haben das Streiten verlernt! Faire Auseinandersetzungen finden nicht mehr statt. Wer eine andere Meinung hat, wird nur noch verunglimpft und beleidigt.

Von unseren Katzen lernen, heißt Streiten lernen. Die teilen sich unmissverständlich mit, dass sie sich nicht mögen. Aber sie tun sich niemals weh dabei. Fauchen, Drohen reicht. Fast scheint es so, dass ihnen dieses Verhalten auch Spaß macht, eine willkommene Unterbrechung des Alltags ist. Auf jeden Fall stört es ihre positive Lebenseinstellung nicht. Ist die Rangfolge geklärt, ist alles wieder friedlich. Man respektiert sich – und jagt fröhlich in Frieden den Sonnenstrahlen hinterher. Gäbe es doch auch bei uns Menschen eine ähnlich funktionierende Streitkultur!

Pfarrer Detlev Schuchardt, Evangelische Kirchengemeinde Bad Lippspringe

Der Beitrag ist erschienen in der Reihe „Auf ein Wort“ in der Neuen Westfälischen Paderborn am Freitag, 18. Januar 2019.

 

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