Auf ein Wort
Warum nicht öfter so?

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

„Was für ein Vertrauen!“ – das war das Motto des Evangelischen Kirchentages in Dortmund. Vier Tage ehrlicher Harmonie. Die Bahnen und Busse voller Gesang christlicher Lieder. Über 100.000 Leute haben Dortmund zu einem „besseren Platz in der Welt“ gemacht. Friedlich und voller Fürsorge füreinander sind Menschen sich begegnet.

Nun liegt sein Abschluss schon wieder zwölf Tage hinter uns. Alles vorbei? Eine kleine Begegnung am Rande: Da geht eine Besucherin des Kirchentages raschen Schrittes auf ein Zelt zu. Ein kleiner Junge auf seinem Tretroller ist noch schneller, schießt auf die Dame zu und biegt im letzten Augenblick ab. Die Frau erschrickt, hat schon mit einem Zusammenstoß gerechnet. Nichts Besonderes. So etwas passiert. Hunderttausend Mal an hunderttausend Orten in der Welt. Tagtäglich. Aber dieses Mal ist es anders. Der Junge, der sonst schon längst über alle Berge wäre, kommt plötzlich mit einer Hand am Roller zurück. Die freie Hand ist der Frau entgegengestreckt. „Entschuldigung“, sagt er mit fester Stimme und blickt der Dame in die Augen. „Ich glaub, ich hab Sie erschreckt. Das wollt ich nicht. Tut mir leid!“ Natürlich gibt die Frau dem Jungen die Hand. „Alles gut!“ Schwer beeindruckt von seinem Verhalten. Es geht auch anders. Es geht auch mit Rücksichtnahme, und mit Höflichkeit. Nur weil Kirchentag ist? Nur weil Nett-Sein für vier Tage angesagt ist? Dem Jungen hat niemand gesagt, dass er nett sein müsse. Er verhält sich ganz normal. In einer Umgebung, in der alle fürsorglich miteinander umgehen, tut er es auch. Warum nicht öfter so?

Warum ist das nicht „normal“? Ich nehme mir vor, mir an dem Jungen ein Beispiel zu nehmen. Wenn ich jemandem die Vorfahrt genommen habe, wenn ich durch mein Verhalten andere erschreckt habe, dann will ich mich nicht davon machen und mir noch ein gutes Gewissen einreden, sondern auch zurückkommen. Mit ausgestreckter Hand auf den Menschen zugehen und sagen: „Entschuldigung. Ich glaub, ich hab Sie erschreckt. Das wollt ich nicht. Tut mir leid!“ Ein Tropfen auf den heißen Stein, damit unsere Welt zu einem besseren Ort wird? Mag sein, aber einer muss ja anfangen …

Pfarrer Detlev Schuchardt, Evangelische Kirchengemeinde Bad Lippspringe

Der Beitrag ist erschienen in der Reihe „Auf ein Wort“ in der Neuen Westfälischen Paderborn am Freitag, 5. Juli 2019.

 

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