Klarer Impuls an Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch der Altenhilfe St. Johannisstift
„Wir brauchen Sie für ein besseres Image der Pflege“

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Altenpfleger Ferdi Cebi Im Sophie Cammann-Haus, Einrichtung für Demenzkranke, im Gespräch mit Bewohnern. Foto: Hilla Südhaus

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Altenpfleger Ferdi Cebi Im Sophie Cammann-Haus, Einrichtung für Demenzkranke, im Gespräch mit Bewohnern. Foto: Hilla Südhaus

Paderborn. Am 16. Juli 2018 besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel für 1,5 Stunden die Altenhilfe St. Johannisstift in Paderborn. Sie löste damit ihr Versprechen ein, dass sie dem Altenpfleger Ferdi Cebi im September 2017 in der ZDF-Sendung „Klartext, Frau Merkel“ gegeben hatten. Cebi hatte live in der Sendung an Politikern kritisiert, dass sie Entscheidungen über Pflege treffen, ohne selbst einmal vor Ort den Pflegealltag erlebt zu haben. Er lud Bundeskanzlerin Merkel ein, ein Tag lang „sein Schatten zu sein“ und die Bundeskanzlerin sagte spontan zu.

Um 15 Uhr wurde sie von Martin Wolf, Vorstandssprecher St. Johannisstift, und Ferdi Cebi, examinierter Altenpfleger im Ev. Altenheim St. Johannisstift, vor dem Altenheim in Empfang genommen. Direkt im Anschluss ging es auf den Wohnbereich, auf dem Cebi tätig ist und hier in den „blauen Salon“, wie er von Bewohnern und Mitarbeitenden oft genannt wird – ein gemütlicher Raum mit Wohnzimmeranmutung auf dem Wohnbereich des Altenheims. Cebi zeigte der Bundeskanzlerin die Unterstützung beim Reichen von Kaffee und Kuchen, die er bei einigen Bewohnern jeden Tag leistet und die er gern mit Biografiearbeit verbindet. Gespräche, die Bewohnern dabei begleiten, Erlebtes zu verarbeiten und ihr Gedächtnis zu mobilisieren. Die Bundeskanzlerin kam in ein intensives Gespräch mit der Bewohnerin, während Ferdi Cebi den Kuchen holte. Nach diesem Einblick in den konkreten Arbeitsplatz von Ferdi Cebi nutzte das St. Johannisstift die Chance, der Bundeskanzlerin neben dem Neubau Carl Böttner-Haus auch das Sophie Cammann-Haus zu zeigen.

„Die Architektur und Versorgungsform hat sich sehr verändert in den letzten Jahre“, betonte Martin Wolf, Vorstandssprecher St. Johannisstift, „im Sophie Cammann-Haus können Sie gut sehen, dass wir viel großflächiger, heller und moderner bauen und die einzelnen Wohnbereiche in Form einer Acht gebaut worden sind. So können die dementen Bewohner, die hier leben, sich so viel bewegen, wie sie möchten und ihrer sogenannten Hinlauftendenz nachgehen, ohne dass sich die Angehörigen Sorgen machen müssen. Wir bauen heute mit viel mehr Gemeinschaftsflächen, um den Bewohnern, Räume zu schenken, in denen sie Gesellschaft, Abwechslung und Aktivitäten erleben können. Wir möchten Lebensräume und Lebensqualität geben und Freude schenken“, erläuterte Wolf weiter.

„Dazu brauchen wir jedoch ausreichend Pflegekräfte und Betreuungskräfte“, ergänzt Ulrike Kamphues-Janson, „und dafür brauchen wir wiederum Sie, Frau Bundeskanzlerin. Denn im Zuge der neuen Pflegegrade, die ich sehr befürworte, muss der Personalschlüssel in Zukunft angepasst werden“, betont sie.

Der Eintrag im goldenen Buch vom Kreis Paderborn und der Stadt Paderborn mit (v. l.) Martin Wolf, Vorstandssprecher St. Johannisstift, Landrat Manfred Müller, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bürgermeister Michael Dreier, Ferdi Cebi, Altenpfleger St. Johannisstift und Bundestagsabgeordneter Carten Linnenmann. Foto: Hilla Südhaus

Der Eintrag im goldenen Buch vom Kreis Paderborn und der Stadt Paderborn mit (v. l.) Martin Wolf, Vorstandssprecher St. Johannisstift, Landrat Manfred Müller, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bürgermeister Michael Dreier, Ferdi Cebi, Altenpfleger St. Johannisstift und Bundestagsabgeordneter Carten Linnenmann. Foto: Hilla Südhaus

Gemeinsam ging es im Anschluss zu einer Kaffeetafel in das Dietrich Bonhoeffer-Haus, dem betreuten Wohnen vom St. Johannisstift. Neben rund 25 Mietern, die zu der Kaffeetafel eingeladen waren, waren hier auch Bundestagsabgeordneter Carsten Linnemann, Landrat Manfred Müller, Bürgermeister Michael Dreier, Kuratoriumsvorsitzender Gunnar Grahl und Stiftungsratsvorsitzender Bert Morhenne zugegen. „Wir danken Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, dass wir durch Ihren Besuch die Möglichkeit haben, der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, welches Verständnis wir von guter Pflege haben. Und wir gleichzeitig darauf hinweisen können, was sich ändern muss, damit wir die immensen Herausforderungen, die sich heute und morgen in der Altenhilfe ergeben, bewältigen können“, richtete Wolf sich in seiner kurzen Begrüßungsrede an die Bundeskanzlerin. „Wir brauchen ein besseres Image für die Pflege, und wir brauchen das Verständnis dafür, dass gute Pflege auch Geld kostet. Und dieses Geld können nicht zum großen Teil die Pflegebedürftigen selbst bezahlen, sondern dieses Geld sollte noch stärker als bisher von der Pflegeversicherung kommen. Es liegt in der Verantwortung von uns allen, dass sich das Bild der Pflegeberufe verändert“, betonte Wolf weiter.

Bevor die Bundeskanzlerin in Gespräche zum Beispiel mit dem Heimrat des Ev. Altenheims St. Johannisstift kam, performte Ferdi Cebi alias Idref einen Rap von seinem neuen Album, das im Herbst erscheint. Denn der Altenpfleger hat bereits einige Songs über seinen Beruf der Altenpflege geschrieben, erfolgreich veröffentlicht und auch gern Bewohner mit in die Musikvideos integriert – sehr zur Begeisterung, Abwechslung und Unterhaltung der Bewohner. Die Bundeskanzlerin bedankt sich bei den Anwesenden und sagte: „Der letzte Lebensabschnitt soll kein Abschnitt mit Abschied sein, sondern in dem man auch noch eine gute Zeit hat. Die Pfleger müssen dafür, so glaube ich, immer gute Laune haben, denn das Herz zählt oft mehr als Worte. Deshalb bin ich auch hierhergekommen, um Ihnen zu sagen, dass wir wissen, dass auf jeden Menschen dieser letzte Lebensabschnitt zukommt und ich war hier, um zu lernen, was Sie bewegt, Herr Cebi. Ein bisschen was bekomme ich auch jetzt mit, von der Vielfalt der Arbeit und der Notwendigkeit der Pflegekräfte, die auch Betreuung machen. Jeder weiß, dass in diesem Beruf das Thema Zeit noch viel viel wichtiger ist als in anderen Berufen, weil das Herz kann nur sprechen, wenn die Zeit da ist. Der Beruf muss attraktiver werden. Warum soll ein Pfleger nicht genauso viel verdienen wie ein Bankangestellter? Das ist die Aufgabe vor der wir stehen. Für alle wollen wir die Bedingungen verbessern und das ist nicht ganz einfach, das weiß man auch. Das ist nicht nur Aufgabe des Ministers, der für Pflege verantwortlich ist, sondern der ganzen Regierung. Der fühlen wir uns alle verpflichtet.“

Dem St. Johannisstift war es ein wichtiges Anliegen, der Bundeskanzlerin einen intensiven Austausch mit unterschiedlichen Berufsgruppen aus der Pflege zu geben. Denn in der Altenpflege ist ein Team von diversen Berufsgruppen und Qualifikationen notwendig, um den Menschen ein Zuhause zu geben, Lebensqualität hoch zu halten und sie pflegerisch und menschlich kompetent zu versorgen. In der Bibliothek des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses kamen acht Mitarbeitende aus der stationären und ambulanten Altenhilfe zusammen, um ihr ihre persönlichen Statements und Forderungen für eine bessere Pflegesituation mit auf den Weg zu geben. Pflegefachkräfte, Pflegehilfskräfte, Alltagsbegleiter, Auszubildende, Mitarbeitervertretung, Mitarbeiter aus dem Bildungsbereich und Martin Wolf und Ferdi Cebi traten in die Diskussion und den Austausch mit der Bundeskanzlerin, um sich für einen flächendeckenden Tarifvertrag, verlässliche Arbeitszeiten wie die 5-Tage-Woche, Refinanzierung der Altenpflegeausbildung und ein besseres Image der Pflege stark zu machen. „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt“, zitierte Wolf den Altbundespräsidenten Gustav Heinemann, „Ich möchte es auf den heutigen Tag zuspitzen und sagen: Man erkennt den Wert einer Gesellschaft, wie sie mit Alten und Pflegebedürftigen verfährt.“

Mit einem Abschlussstatement schloss die Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Besuch in der Altenhilfe St. Johannisstift ab: „Ferdi Cebi hat es geschafft, mich hier her zu bringen und mir ein wenig zu erzählen, was seine Arbeit ausmacht. Was ich hier mitnehme ist, dass alle, die hier beschäftigt sind, ihre Arbeit vom Herzen machen, mit Freude machen. Dies ist eine Einrichtung, die ein gutes Zuhause in der Stadt und im Landkreis hat. Es gibt ganz unterschiedliche Taten der Einrichtung. Menschen, die dort arbeiten, sollen gut bezahlt werden, damit die Menschen, die dort leben, auch gute Pflege bekommen. Wir haben ein großes Fachkräfteproblem. Wie können wir die Interessantheit und auch die Schönheit dieses Berufes interessanter machen? Natürlich gibt es auch schwierige Aufgaben, aber es gibt auch unglaublich viel, was die älteren Menschen zurückgeben, was sie den Pflegekräften geben. Und das in die Gesellschaft zu tragen, werde ich versuchen zu tun. Aber Werbung und Attraktivität helfen nicht, wenn es keine gute Bezahlung gibt, wenn es nicht genug für die Ausbildung gibt, wenn es nicht vernünftige Arbeitszeiten gibt. Die Aktion Pflege aus der Bundesregierung ist eine ganz wichtige Aktion, um einen Standard zu setzen. Wir müssen in Deutschland ein vergleichbares Niveau in der Pflege bekommen. Angesichts der Veränderungen in der Bevölkerung, dass wir immer älter werden und immer mehr ältere Menschen haben, das ist eine richtige Zukunftsaufgabe und deshalb werde ich, als Bundeskanzlerin, diese Aufgabe auch weitertragen, genauso wie mein Kollege aus der Bundestagsfraktion Carsten Linnemann, der hier mit voller Leidenschaft dabei ist.   sjs

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