Der, dessen Name genannt wird

Auf ein Wort

Heidrun Greine, Pfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) Paderborn

Heidrun Greine, Pfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) Paderborn

„Der, dessen Name nicht genannt werden darf“, heißt es in der Zauberwelt des Romanhelden Harry Potter über den „dunklen“ Lord Voldemort. Dort wird befürchtet, dass mit der Nennung des Namens die vernichtende Gefahr selbst heraufbeschworen wird. Die jüdisch-christliche Tradition weiß um die stärkende Kraft, die in der Namensnennung für einen Menschen liegt. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ – so lautet der Bibelvers aus Jesaja 43. Für viele Christen ist das die Begrüßung bei ihrer Taufe und Gott ist es, der uns so begrüßt. Der Name ist also unglaublich wichtig. Er repräsentiert die Person und lässt uns in Beziehung zueinander treten. Wenn man einen anderen Menschen kennenlernt, nennt man seinen Namen und erfährt den Namen des anderen oder der anderen. Unser Name begleitet uns durch das Leben, und auch nach unserem Tod bleibt der Name bestehen: Auf dem Grabstein und im Gedächtnis der Angehörigen, aber auch bei Gott, dort ist er ewig. Und mit unserem Namen sind auch wir ewig aufgehoben. Das hat Gott in der Taufe versprochen.

Manchmal vergessen wir dieses Versprechen und fürchten uns vor dem Leben und vor dem Sterben. Dann brauchen wir eine Erinnerung daran, dass wir erlöst sind und uns nicht fürchten müssen. Solch eine Erinnerung wird am Ewigkeitssonntag in den Kirchen gegeben. Es ist eine gute Tradition, dass die Namen der Verstorbenen des letzten Jahres verlesen werden. Da ist er wieder – der Name des geliebten Menschen, der nicht mehr lebt und doch an diesem Gottesdienst teilhat. Dieser Name weckt Erinnerungen, schöne und traurige und die Hoffnung auf die Ewigkeit, in der auch mein Name aufgehoben ist. Wie schön, dass wir als Menschen die Fähigkeit haben, uns zu erinnern und Geschichten aus dem Gedächtnis zu holen, die wir längst verloren glaubten. Das wird ein segensreicher Gottesdienst mit allen Namen der Verstorbenen, deren Leben und Geschichte allein durch die Namensnennung wieder lebendig werden kann. Gott spricht: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Das gilt übrigens auch für die Verstorbenen des letzten Jahres und aller Jahre davor. Diese Namen kann jeder und jede für sich noch dazu nennen und an sie denken. Das gibt Trost und Mut für unser Leben aber auch unser Sterben, denn wir können gewiss sein, auch unser Name wird irgendwann am Ewigkeitssonntag genannt.

Pfarrerin Heidrun Greine, Evangelische Studierendengemeinde Paderborn (ESG)

Der Beitrag ist erschienen am Freitag, 20. November 2020, in der Neuen Westfälischen Paderborn.