Echte Nähe ist lebensnotwendig

Auf ein Wort

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Gott ist auf Abstand bedacht. „From A Distance“ sang einst Bette Midler. „God is watching us – from a distance“. Gott schaut auf uns – aus der Distanz. Gott nimmt nicht ungefragt in den Arm, er lässt Abstand, aber damit auch Freiheit. Ich finde das eigentlich richtig so. Ich bin überhaupt kein Freund der aufgedrängten Nähe. Überschwänglich immer alles toll und wunderbar finden, jedem Menschen gleich ungefragt um den Hals zu fallen, finde ich aufdringlich und auch ein bisschen respektlos. Jeder Mensch hat eine Privatzone um sich herum, die unterschiedlich groß ist. Da gibt es in der Psychologie eine kleine Partnerübung, vielleicht kennen Sie es: Zwei Menschen kommen langsam auf sich zu. Schritt für Schritt. Und mit einem Mal ist der Moment da, da wir die Nähe des anderen als unangenehm empfinden. In diesem Moment dringt jemand in unsere Privatzone ein. Und das kann richtig körperlich weh tun, wenn unser Gegenüber diese unsichtbare Grenze überschreitet. „From A Distance“: Abstand, Distanz, das hat auch mit Respekt zu tun. Den anderen die Freiheit zu lassen. Nähe nicht aufzudrängen, sondern warten zu können, ob sie jemand anders auch möchte. Achtsam und nicht aufdringlich.

Dann aber: Jesus. Gottes Sohn. „Bußgeld für Jesus! 150 Euro für das Nicht-Einhalten der Abstandspflicht!“ Das könnte eine Überschrift sein, lebte Jesus jetzt. Er war mit Leprakranken zusammen, obwohl das streng verboten war und streng bestraft wurde. Er hat Finger in die Ohren von Kranken gelegt und mit Spucke und Erde die Augen von Blinden berührt. Er hat gegen die Abstandspflicht von Frauen, Kindern, Andersgläubigen und Kranken immer aufs Neue verstoßen. Ein Wiederholungstäter.

Abstand und Nähe schließen sich nicht aus. Echte Nähe ist lebensnotwendig. Nähe, die Freiheit atmet, die respektvoll geschieht – um des anderen willen. Die uns aufgezwungene Abstandspflicht hat uns einen neuen Blick auf das große Ganze gegeben. Es geht nicht ohne Nähe. Wie sehr warten Menschen darauf, dass sie beachtet, besucht, betreut werden. Jetzt gibt es wieder viel mehr Möglichkeiten dazu. Nutzen wir sie.

Detlev Schuchardt, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Lippspringe

Der Beitrag ist erschienen in der Neuen Westfälischen Paderborn am Freitag, 3. Juli 2020.