Virus, verschwinde!

Auf ein Wort

Pfarrer Christoph Keienburg

Pfarrer Christoph Keienburg

Das Gezeter, Geheule und Gejammer bei uns Kirchenleuten über die Auswirkungen der Pandemie ist groß. Zu Recht. Dass wir nicht singen und musizieren dürfen, dass wir bei der Feier des Heiligen Abendmahls einander nicht Brot und Wein reichen, dass wir einander den Friedensgruß nicht entbieten dürfen, erleben wir als mittlere Katastrophe. Abgesagte Taufen, ins Irgendwann verschobene Trauungen, stornierte Konfirmationsfeiern – das ist mehr als bitter. Soeben haben wir die Goldkonfirmation am Abdinghof abgesagt und die Kinderbibelwoche im Lukasbezirk gleich mit. Hier Dutzende von Beteiligten, die sich, teils über Jahre, auf das Fest gefreut haben, dort Dutzende von Ehrenamtlichen, die bereits in das Ferien-Programm für einhundert Kinder im Grundschulalter involviert waren. Alles für die Tonne. Und die Perspektiven sind mehr als düster – für alles, was unsere gottesdienstlichen Feiern, unser Zusammenleben als Gemeinde, unser Beten und Handeln prägt. Masken, Abstände, Berührungsverbote auf weithin absehbare Zeit. Dieser Virus ist ätzend. Wir leben irgendwie drumherum, wir kompensieren das durch die Verbreitung einer Art von Gute-Laune-Stimmung, wir tun so, als ob durch das Virtuelle, Digitale, Inszenierte sich irgendwelche neuen Räume auftäten. Als ob nicht unzählige anderer Räume eines engagierten Gemeindelebens sich gleichzeitig auf unbestimmte Zeit schlössen.

Aber wir klagen auf hohem Niveau. Das eigentliche Drama enthüllt sich zu Pfingsten. Folgt man den biblischen Zeugnissen, drängt die durch die Osterereignisse freigesetzte Energie auf Verbreitung, auf universelle Ausweitung. Sie ergreift Menschen jenseits der traditionellen religiösen Bindungen, sie überschreitet Sprachbarrieren und die Grenzen sozialer Herkunft. Und sie dringt ein in Fleisch und Blut, Herz und Hirn. Mein Vater hat mich beauftragt, jetzt beauftrage ich euch, bläst der Auferstandene den fröhlich erschrockenen Gefährten den heiligen Geist ins Gesicht. Und diese Vollmacht, in der Geschichte der Apostelinnen und Apostel handfest dokumentiert, wird wirksam nicht nur in, sondern auch zwischen den Körpern. Ihr Geheimnis ist, neben dem Wort, die Berührung.

Uns beschränkt die berechtigte Furcht vor der Ausbreitung der Pandemie derzeit auf das Anticken der Ellbogen bei der Begrüßung und auf ein betuliches Kopfnicken hinter der Binde, aber das reicht hinten und vorne nicht. All das Umarmen fehlt, das Seit an Seit und Rücken an Rücken. Das Zupacken und Aufhelfen, das Abwischen der Tränen, das Verbinden der Wunden, das Bekleiden der Frierenden, das Füttern mit dem Löffelchen und aus der Schnabeltasse, das Abklatschen und das Händeschütteln. Der Blick in das ganze, das unverhüllte Gesicht: die glatte Stirn, die Runzeln, das Verzagen, die Freude, der Zorn und das Lachen.

Nur ein paar von uns dürfen das derzeit auf diesem Globus: Hinsehen und Berühren. Sie dürfen das, weil sie müssen: Als Pflegende, Sanitäter, Ärztinnen. Als seien wir nicht alle „systemrelevant“ für die Ausbreitung der Gnade.

Weit davon entfernt, als „Strafe“, „Denkzettel“ oder Erziehungsmaßnahme des Ewigen die Welt zu infizieren, bremst die Pandemie Gottes Schönheit aus, auf ihrem Weg sich zu verströmen in Leiber, Herzen und Seelen ihrer Geschöpfe. Gott will mächtig werden in liebevoller, befreiender Gegenwart (so die Bedeutung des hebräischen Wortes für „Herrlichkeit“) – das und nichts anderes ist der Sinn vons Ganze. Der Virus hindert ihn daran. Fahre er zur Hölle.

Christoph Keienburg, Pfarrer des Lukaspfarrbezirks der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Paderborn

Der Beitrag ist erschienen in der Reihe „Auf ein Wort“ in der Neuen Westfälischen Paderborn am Freitag, 5. Juni 2020.