Vorurteile gegenüber Religion

Auf ein Wort

Silvia Reinecke, Schulpfarrerin des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn

Silvia Reinecke, Schulpfarrerin des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn

Auf dem Cartoon vor mir sehe ich Partygäste zusammen stehen, stelle mir Musik, Gläserklirren, Stimmengewirr vor und lese einen Gesprächsfetzen: „Ach, Sie sind Christ? Und äh, was macht man denn da so?“ Ich schmunzele. Wie perplex, unwissend und hilflos diese Frage klingt! Aber immerhin ist da auch ein gewisses, freundliches Interesse! Ja, als Schulpfarrerin an verschiedenen Schulformen stelle auch ich immer wieder fest, wie wenig das Wissen über die christliche Religion geworden ist und wie befremdlich ihre religiöse Praxis. Nun ja. In der Öffentlichkeit kann ja über alles, auch über jede Sauerei, gesprochen werden. Nur bitte nicht über Religion. Denn die soll ja privat sein! In meinem Beruf begegnen mir nun aber auch Vorurteile gegenüber Religion, manchmal leider gar nicht freundlich vorgebracht!

Erstes Beispiel: Die neue Kollegin findet es schlimm, dass es an Schulen Pfarrer gibt. Auch, weil alle Gewalttat auf Erden durch Religion verursacht sei. Dieses Pauschalurteil ist mir nun doch zu undifferenziert. Waren die beiden Weltkriege etwa durch Religion verursacht?! Dass die Geschichte der Kirche Blutspuren aufweist wie z.B. die Inquisition oder Hexenverbrennungen, ist ja nicht zu leugnen. Aber waren die religionslosen Ideologien des 20. Jahrhunderts unter Hitler, Stalin oder Mao mit mehr als 150 Millionen Todesopfern denn friedlicher? Nein! Dieser Blick auf Religion als Aggressor der Erde wird weder Jesus, der die Friedensstifter vor Gott selig preist, der Gewaltverzicht fordert und sogar zur Feindesliebe aufruft, noch den vielen lieben, engagierten Christen in den Gemeinden noch der Weltgeschichte gerecht!

Zweites Beispiel: Schüler*innen meinen, als Christ müsse man glauben, dass die Welt in sieben Tagen entstanden sei, also den Verstand abschalten und gegen die Evolutionstheorie sein. Nein! Denn die Bibel ist ja kein Naturwissenschaften-, sondern ein Glaubensbuch! Die Schreiber des ersten biblischen Kapitels wollten kein naturwissenschaftliches Faktenprotokoll zur Weltentstehung schreiben. Angesichts der staunenswerten Ordnung der Welt wollten sie sich einzig und allein zu Gott als Urgrund alles Seins bekennen und der als von Gott durchdrungen geglaubten Lebenswirklichkeit von Welt und Mensch Sinn und (Be)deutung geben. Deshalb suchen z.B. die ersten elf Kapitel der Bibel Antworten auf die ganz großen Fragen der Menschheit. Wie sollen wir mit der Erde und dem Menschen angesichts ihres Gottesgehaltes umgehen? Wozu bin ich auf der Welt? Woher kommt das Böse oder warum ist die Welt kein Paradies? Natürlich weiß auch ich, dass dies nicht auf eine real-historische Begebenheit mit einer sprechenden Schlange und einem Mann, der durch Apfelessen zu Erkenntnis kam, zu tun hat! Aber durch Deutung solcher mythischen Erzählungen können wir heute noch gültige Lebenswahrheiten auffinden, können auch junge Menschen Fixpunkte finden, an denen sie ihre Lebenskoordinaten festmachen können. Und dann ist es die reine Freude, das Schulfach Religion unterrichten zu dürfen!

Silvia Reinecke, Schulpfarrerin des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn

Der Beitrag ist erschienen in der Reihe „Auf ein Wort“ in der Neuen Westfälischen Paderborn am Freitag, 28. August 2020.