Wer hilft wem?

„Auf ein Wort“

Verlässliche Inspirations- und Kraftquelle ist für Pfarrer Felix Klemme die Bibel. Jetzt freut er sich auf neue Herausforderungen als Gemeindepfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Elsen. FOTO: EKP-ARCHIV/HEIDE WELSLAU

Pfarrer Felix Klemme. FOTO: EKP-ARCHIV/HEIDE WELSLAU

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ (Ps 139,14; Monatsspruch für August). Am nächsten Sonntag wird in den evangelischen Gottesdiensten die Geschichte erzählt, wie Jesus einen blind Geborenen wieder sehend macht (Joh 9). Oft wird diese Geschichte als „Heilungswunder“ bezeichnet: Der Blinde kann durch Jesu Behandlung wieder sehen, ist von seiner Blindheit geheilt und kann jetzt endlich glücklich sein. Merkwürdig ist nur: Während der ganzen Geschichte hat diesen Mann überhaupt niemand gefragt, ob er denn gerne sehen können möchte. Nirgendwo steht, dass er darüber glücklich ist, sehen zu können.

In mir regt sich deshalb die Frage: Hilft Jesus dem blind Geborenen damit überhaupt? Vielleicht war der ja ganz zufrieden mit sich selbst. Und vielleicht findet er es nun überhaupt nicht schön, sehen zu können, weil er seine ganze Art zu leben ändern muss, obwohl er vorher doch zufrieden gewesen war. Jesus weiß natürlich, was er damit auslöst. Und er hat auch seine ganz eigenen Gründe dafür, den Blinden sehend zu machen.

Ich möchte Sie nur darauf aufmerksam machen, dass Hilfe nur dann wirkliche Hilfe ist, wenn es dem Geholfenen danach auch wirklich besser geht. Und das kann der nun einmal selbst am besten entscheiden. Auf den ersten Blick ist für mich ein Blinder schnell ein Mensch mit Behinderung. Ich bin es gewohnt, mein Sehvermögen als Sinn einzusetzen. Mir würde wirklich etwas fehlen, wenn ich plötzlich nicht mehr sehen könnte. Daher bin ich auch instinktiv der Meinung, dass dem blind Geborenen etwas fehlt. Wenn ein blind geborener Mensch nun aber ein zufriedenes Leben führt? Er erledigt seinen Haushalt größtenteils allein. Hat vielleicht eine Hilfskraft. Kann diese durch sein Autorengehalt – er schreibt Krimis in Brailleschrift – aber gut finanzieren. Fährt gern Bus oder Bahn. Trifft sich gern mit Freunden auf einen Kaffee oder ein Bier. Er ist zufrieden.

Dann kann ich doch vielmehr in puncto Zufriedenheit etwas von ihm lernen. Denn da habe ich dann ihm gegenüber ein Defizit. Wer soll hier also wem helfen?

Pfarrer Felix Klemme, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Elsen

Der Beitrag ist erschienen in der Neuen Westfälischen Paderborn am Freitag, 31. Juli 2020.