Immer wieder ideenreich sein, um den Glauben weiterzugeben

Superintendent Volker Neuhoff geht in den Ruhestand und blickt auf fast elf Jahre im Amt zurück

Der leitende Geistliche steht im Talar vor einer Wand, an der das biblische Leitwort des Kirchenkreises Paderborn angebracht ist.

Das biblische Leitwort des Kirchenkreises hat Superintendent Volker Neuhoff fast elf Jahre begleitet.
Foto: EKP/Oliver Claes

Kirchenkreis. Volker Neuhoff (64), seit fast elf Jahren Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn, geht am 31. August 2026 in den Ruhestand. Am 27. November 2015 hatte die Kreissynode den gebürtigen Dortmunder gewählt, am 29. Januar 2016 wurde er von Präses Annette Kurschus in sein Amt eingeführt. Die Synode des Kirchenkreises wählte ihn am 1. Dezember 2023 für eine zweite Amtszeit, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand. Vor seinem Wechsel nach Paderborn war Volker Neuhoff Pfarrer in Lippstadt und Synodalassessor im Kirchenkreis Soest. Für den Ruhestand zieht er mit seiner Frau wieder nach Lippstadt. Im Interview mit Dr. Oliver Claes blickt er auf seine Amtszeit zurück.

Herr Neuhoff, Sie sind mitten in Ihrer zweiten Amtszeit als Superintendent des Kirchenkreises. Warum gehen Sie zu diesem Zeitpunkt in den Ruhestand

Der Kirchenkreis befindet sich gerade in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Es ist der passende Zeitpunkt für eine nachfolgende Person, jetzt einzusteigen, Dinge mitzuentwickeln und eigene Akzente zu setzen. Im Sommer werde ich 65, das ist ein gutes Alter, um in den Ruhestand einzutreten. Es fügt sich jetzt gut zusammen.

Wie blicken Sie auf die fast elf Jahre im Amt zurück?

Es kommt mir kürzer vor. Es war eine unglaublich gefüllte Zeit. Ich habe es nicht bereut, diese Stelle angetreten zu haben und bin hier gerne Superintendent gewesen. Ich schätze diesen Kirchenkreis sehr und möchte diese Zeit nicht missen.

Was macht den Kirchenkreis für Sie aus?

Die Lage im mehrheitlich katholischen Hochstift prägt den Kirchenkreis. Eine Diaspora-Situation ist für jede religiöse Gruppierung eine Möglichkeit zur Klärung der Identität. Es gibt ein gutes ökumenisches Miteinander, nicht nur mit der katholischen Kirche, und auch viele multireligiöse Begegnungen. Ich empfinde das als herausragend in unserer Region. Das ist sehr wertvoll und ein wichtiger Baustein für das gesellschaftliche Leben. Ein gelungenes Beispiel sind die Paderborner Sozialkonferenzen, die das Bündnis DGB und Kirchen veranstaltet.

Aber nimmt die gesellschaftliche und politische Bedeutung der Kirchen nicht ab durch den Mitgliederschwund?

Eine Grundhaltung zu vertreten, ist nicht abhängig von der Zahl der Mitglieder. Das Evangelium umfasst alle Lebensbereiche und schließt mich als politischen Menschen ein. Auf der Grundlage der biblischen Botschaft kann Kirche sich darum auch zu parteipolitischen Fragen äußern. Mir ist es wichtig, dass wir als evangelische Kirche klar Stellung beziehen und uns positionieren.

Klar Position bezogen haben Sie gegen die AfD.

Ja, ich habe deutlich gesagt, dass die AfD für Christenmenschen nicht wählbar ist. Ich lehne die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit der AfD ab und halte sie für nicht vereinbar mit dem Evangelium. Eine Mitgliedschaft in der AfD und ein leitendes Amt in unserer Kirche sind für mich unvereinbar.

Wie empfinden Sie die hohen Austrittszahlen?

Mich schmerzt jeder Kirchenaustritt. Es ist ein erschreckend hoher Stapel von Austrittserklärungen, die hier bei uns zusammengetragen werden. Es beschäftigt mich sehr, dass Menschen von uns als Kirche nicht mehr erreicht werden. Ich habe die Sorge, dass es auch gesellschaftliche Auswirkungen hat, wenn die Kirche mit ihrem Sinnfundament immer kleiner wird.

Was unternimmt der Kirchenkreis, um Menschen zu erreichen?

Wir haben einiges auf den Weg gebracht, um Menschen als Mitglieder unserer Kirche zu halten. Aktuell zum Beispiel die „Kirchenpost“, die gezielt an junge Menschen zwischen 12 und 31 Jahren verschickt wird, oder den „Dome“, der als mobile Jugendkirche im Kirchenkreis unterwegs ist. Beim „Konficamp“ machen Jugendliche viele positive Erfahrungen mit Kirche. Und unser Zukunftsfonds „kirchewoanders“ gibt Menschen, die innovative Ideen haben, Geld, um diese zu realisieren.
Aber ich bin realistisch: Den Trend der Kirchenaustritte werden wir wohl nicht stoppen können. Ich bin trotzdem zuversichtlich, dass die Kirchengemeinden und ihre Mitglieder immer wieder ideenreich sein werden, um ihren Glauben weiterzugeben. So wie es auf ihre Weise unsere kleine und feine Diakonie Paderborn-Höxter mit ihren hilfreichen sozialen Aktivitäten tut.

Angetreten sind Sie mit der Idee einer „Kirche vor Ort“. Ist das unter den veränderten Rahmenbedingungen noch möglich?

Unsere Kirche wird kleiner, beim Personal, den Finanzen und bei den Gebäuden. Es wird nicht mehr alle kirchlichen Angebote flächendeckend geben können. Das bedeutet aber nicht, dass wir Abschied nehmen von der „Kirche vor Ort“ und uns aus der Fläche zurückziehen. Es gilt, neue Akzente zu setzen und zu schauen, wo ehrenamtliches Engagement noch stärker gefragt ist als bisher. Vor Ort zu sein und raus zu den Menschen zu gehen, hängt nicht an Räumlichkeiten, sondern an Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren. Wir sollten nicht fragen, wie können wir die Gebäude, die wir haben, füllen, sondern welche Gebäude brauchen wir noch für die Inhalte, die wir vertreten. An welchen Orten sollten wir uns von unserem kirchlichen Auftrag her erkennbar zeigen?
Diese Veränderungen rufen Widerstände hervor, auch bei mir. Ich habe früher volle Kirchen erlebt und erlebe jetzt diesen Rückbau. Ich finde es nicht schön, eine Kirche entwidmen zu müssen. Das löst bei mir große Traurigkeit aus. Das Gute am Widerstand ist, dass noch einmal reflektiert werden kann, warum etwas verändert werden soll. Dazu gab es viele intensive Gespräche mit den Menschen in den Kirchengemeinden und beim Zukunftsprozess des Kirchenkreises, so dass wir ein Stück weiter gekommen sind. Unsere strukturellen Transformationsdiskussionen nehmen Fahrt auf, das ist gut und wichtig.

Hatten Sie anfangs mit so vielen Veränderungen gerechnet?

Veränderungsprozesse haben mich mein ganzes Arbeitsleben in der Kirche begleitet. Was zugenommen hat, ist die Geschwindigkeit. Corona war eine Zäsur. Wir haben da viel gelernt, zum Beispiel bei der Digitalität. Junge Menschen sind auf ganz anderen Kanälen unterwegs. Der Kirchenkreis hat deshalb sein Social Media Projekt gestartet, und auch Kirchengemeinden engagieren sich in diesem Feld.

Vor großen Veränderungen stehen die Kindertageseinrichtungen. Zieht sich der Kirchenkreis aus diesem Bereich zurück?

Die Synode hat einen Prüfauftrag beschlossen, mit den Johannitern über einen Wechsel der Trägerschaft der 15 Kitas im Kirchenkreis zu verhandeln. Die Gespräche laufen. Die Kitas sind vom Land NRW nicht auskömmlich finanziert, das betone ich immer wieder. Der steigende Finanzbedarf gefährdet andere Bereiche der kirchlichen Arbeit. Es kann also sein, dass wir uns aus diesem Bereich organisatorisch verabschieden. Wir möchten uns aber nicht inhaltlich verabschieden und haben deshalb ganz bewusst nach einem Träger aus der evangelischen Familie gesucht.

Besonders das Thema Missbrauch lässt die Austrittszahlen steigen. Was unternimmt der Kirchenkreis, um vorzubeugen?

Wir haben im Kirchenkreis eine „Fachstelle Prävention und Schutz vor sexualisierter Gewalt“ eingerichtet. Es gibt Schulungen, Schutzkonzepte für Kirchengemeinden und Gemeinsame Dienste sowie Awareness-Teams bei Veranstaltungen. Heute kann ich tatsächlich sagen: Fast alle Mitglieder unserer Presbyterien sind geschult. Ebenso die Mitarbeitenden in den Kitas und die Ehrenamtlichen beim Konficamp. Wir gehen jetzt in die zweite Phase der Schulungen. Mir ist es sehr wichtig, dass wir auf der Seite der Opfer stehen und schauen, wie wir ihnen helfen können, und zugleich, wie wir sexualisierte Gewalt verhindern.

Wenn Sie zurückblicken auf die Zeit im Kirchenkreis, woran erinnern Sie sich besonders gerne?

An das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde. Das hat mir geholfen bei den vielen Herausforderungen in den zurückliegenden Jahren. Geholfen hat mir auch, dass ich nicht allein war, sondern den Kirchenkreis gemeinsam mit dem Kreissynodalvorstand und der Synode geleitet habe, und wir die Unterstützung der Mitarbeitenden hatten.
Ich erinnere mich an viele, viele Begegnungen in den Gemeinden, mit Presbyterien, bei den Visitationen und mit den vielen Gruppierungen, mit denen unser Kirchenkreis vernetzt ist.
Und ich erinnere mich gerne an die Fahrten durch den Kirchenkreis. Es ist ein unglaublich schöner Kirchenkreis. Wir gestalten hier Kirche in einer Region, in die andere Menschen gern kommen, auch um hier Urlaub machen.

Gab es besondere Höhepunkte, die Ihnen im Gedächtnis bleiben?

Ich erinnere mich gerne an die beiden Landesgartenschauen; 2017 in Bad Lippspringe mit dem GlaubensGarten und 2023 in Höxter mit dem Schöpfungsgarten, beides sind wunderbare Beispiele für multireligiöse Zusammenarbeit vor Ort. Das Reformationsjubiläum 2017 mit vielen Veranstaltungen in unseren Kirchengemeinden und der Luthergondel im Riesenrad zu Libori in Paderborn hat mich begeistert. Dass es gelungen ist, die Seelsorge in Kliniken und die Persischsprachige Seelsorge zu verstetigen und den „Dome“ zu etablieren, freut mich weiterhin. Ein persönlicher Höhepunkt war für mich 2023 die Reise in unseren Partnerkirchenkreis Kusini B in Tansania mit vielen Begegnungen und spirituellen Momenten.

Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin/Ihrem Nachfolger und dem Kirchenkreis?

Neugier auf viele Begegnungen und Offenheit für neue Ideen. Dem Kirchenkreis wünsche ich, dass er weiterhin seinem biblischen Leitwort aus 1. Petrus 2,5 auf der Spur bleibt und seinem schönen Dreiklang „lebendig – aufbauend – geistlich“ Gestalt verleiht.

Verabschiedung

Die offizielle Verabschiedung von Superintendent Volker Neuhoff ist am Freitag, 17. Juli 2026. Sie beginnt mit einem Gottesdienst um 15 Uhr in der Abdinghofkirche in Paderborn. Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Dr. Adelheid Ruck-Schröder, wird den Superintendenten von seinem Dienst entpflichten.

Die Leitungsstelle des Kirchenkreises ist zur Wiederbesetzung ausgeschrieben. Bis eine Nachfolgerin/ein Nachfolger gefunden ist, führt Synodalassessor Gunnar Wirth die Amtsgeschäfte.